Chemieproduktion: Schwerpunktverlagerung in den Osten

Die chemische Industrie befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Neue Anbieter aus dem Mittleren Osten, Indien und China spielen in der ersten Liga der Weltrangliste und erhöhen den Preis- und Innovationsdruck. Wie müssen sich Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie zukünftig aufstellen?  

Die jüngste Krise hat viele Unternehmen der Chemieindustrie gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen. Die Unternehmen konzentrierten sich darauf, die Kapazitäten anzupassen und durch internationales Sourcing die Kosten zu senken. Der erhöhte Kostendruck insbesondere im Bereich der Basischemie verlagerte den Fokus auf die margenstarke Spezialchemie.  

Die Chemie ist günstigen Energiequellen und Wachstumsmärkten auf der Spur
Die hohe Volatilität der Rohstoffpreise macht Chemieunternehmen zunehmend zu schaffen. Um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern, sind sie gezwungen, die Preisrisiken zu minimieren und sich neu zu orientieren. Das Ringen um den Zugang zu günstigen Energiequellen und Rohstoffen sowie eine gesicherte Versorgung lenkt das Interesse der Unternehmen zunehmend auch auf den Mittleren Osten. Hier treffen sie auf ein aufnahmebereites Investitions- und Wachstumsumfeld, denn das Interesse am technologischen Transfer und an Partnerschaften mit innovationsstarken Unternehmen ist groß.

Stetige Bedeutungszunahmen der Schwellenländer im Bereich Chemie
2008 war Deutschland mit Ausfuhren von knapp 140 Milliarden Euro Weltmeister bei Chemie-Exporten. Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie gingen rund zwei Drittel in EU-Mitgliedstaaten. 30 Prozent der Weltchemieproduktion stammten aus der EU (2009: 26 Prozent).

Experten erwarten, dass sich dieses Bild in den kommenden Jahren deutlich verändern wird. Zwar meldet der Außenwirtschaftsreport des Bundesverbands der Deutschen Industrie im ersten Quartal 2010 einen Anstieg der Bestellungen aus Europa um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr - die eigentlichen Treiber der Branche sind allerdings die Schwellenländer: Ostasien orderte im Vergleich zum Vorjahresquartal 46 Prozent mehr Chemikalien aus deutscher Produktion, Lateinamerika steigerte die Bestellungen um 21,5 Prozent.

Gleichzeitig rüsten sich Hersteller in Saudi-Arabien, China und Indien, die Weltspitze der Polyethylen- und Basischemieproduktion zu übernehmen: Sollten nah- und fernöstliche Unternehmen wie beispielsweise Saudi Basic Industries Corporation (SABIC) ihre Wachstumsraten (SABIC derzeit gut 28 Prozent pro Jahr) mittelfristig halten, könnten schon 2015 sechs der zehn weltgrößten Chemieproduzenten aus diesen Regionen stammen. Auf diese Veränderungen müssen sich europäische Unternehmen mit einer weitsichtigen Internationalisierungsstrategie einstellen.

Pharma: Generika geben in Schwellenländern den Ton an
Auch die pharmazeutische Industrie spürt verstärkten Kostendruck. Regierungen, die versuchen, wachsende Gesundheitskosten zu kontrollieren, auslaufende Patente europäischer Pharmaunternehmen und die steigende Nachfrage nach kostengünstigen Generikaprodukten aus Schwellenländern verändern die Marktbedingungen.

Zwar wachsen mit dem Wohlstand und der Reform von Gesundheitssystemen in vielen Ländern die Nachfrage und das Budget für eine gesundheitliche Versorgung, doch zahlen die wenig verdienenden und gering versicherten Verbraucher in den meisten Ländern wie Brasilien, Russland, Indien, China, Ägypten oder Indonesien ihre Medikamente aus der eigenen Tasche.

Bereits heute dominiert der Verkauf von Generika mit einem Anteil von 92 Prozent den indischen Markt. Während die Preise für Medikamente in Indien nach wie vor zu den weltweit niedrigsten zählen, zieht das Interesse an gesundheitlichen Themen durch verbesserte Informationspolitik deutlich an.

Mit Innovation und Joint Ventures gegen den Kostendruck
Viele Arzneien sind allerdings staatlicher Preiskontrolle sowie komplizierter Besteuerung unterworfen. Chancen eröffnen sich deshalb für Unternehmen, die sich über Joint Ventures oder Akquisitionen in Märkten wie China, Indien, Brasilien den direkten Zugang zu Vertriebs- und Kundenkanälen erschließen.

Um am Wachstum der Weltmärkte zu partizipieren, werden Chemie- und Pharmaunternehmen gefordert sein, sich mehr denn je international zu vernetzen und die gemeinschaftliche Expansion mit aufstrebenden Wettbewerbern zu suchen. Gleichzeitig stehen europäische Unternehmen vor der Herausforderung, bestehende Anlagen zu rationalisieren und in den Zukunftsmärkten neue Produktionsanlagen zu errichten. Dazu zählen neben den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China auch Wachstumsmärkte der zweiten Generation.

Zukunftsmärkte Asien, der Mittlerer Osten und Türkei rücken in den Blickpunkt
Die noch starke Fragmentierung der asiatischen Märkte eröffnet hier interessante Übernahmeperspektiven. Zu erwarten ist, dass der Mittlere Osten mit Zugang zu wertvollen Ressourcen und als Hub zu benachbarten Wachstumsmärkten weiter an Bedeutung gewinnen wird. Punkten können hier nicht nur große, sondern auch kleinere Unternehmen mit einer starken Innovationspipeline im Bereich nachhaltiger Hightechprodukte.

Auch Länder wie die Türkei sind ein attraktives Investitionsziel für multinationale Unternehmen. Das Land am Bosporus ist bestrebt, sein flächendeckendes Gesundheitssystem weiter aufzurüsten und Zukunftssegmente der Pharmaindustrie zu fördern, wie zum Beispiel onkologische Wirkstoffe und Medikamente gegen Demenz.

 

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