Automarkt Türkei: Mehr Sicherheit am Bosporus

Vom Aufbau eines TÜV in der Türkei nach deutschem Vorbild wird auch die Zulieferindustrie profitieren

Alle 48 Sekunden ereignet sich irgendwo zwischen Istanbul und Adana ein Verkehrsunfall. Die meisten enden glimpflich, doch für neun Menschen kommt jeden Tag die Hilfe zu spät. Mit rund 3400 Verkehrstoten im Jahr nimmt die Türkei in punkto Sicherheit einen hinteren Platz in Europa ein. Denn mit 74 Millionen Einwohnern und gerade einmal 8,2 Millionen registrierten Pkw ist die Motorisierungsrate im Vergleich mit anderen europäischen Ländern eher gering.

Trotz deutlich höherer Verkehrsdichte sind dort im Verhältnis viel weniger Verkehrstote zu beklagen. Die Ursachen für diesen gravierenden Unterschied bei der Verkehrssicherheit liegen nicht unbedingt in einer riskanteren Fahrweise in der Türkei, sondern eher an dem veralteten Fahrzeugbestand und dem weniger gut ausgebauten Verkehrsnetz. In den Bergregionen der Türkei sieht man an den mancherorts nur unzulänglich abgesicherten Straßen immer wieder ausgebrannte Wracks von Lastwagen, Bussen und Autos in Schluchten liegen. Die Schlagzeilen darüber liest man in Europa nur, wenn Urlauber unter den Opfern sind.

Landesweiter TÜV bis 2009
Die Regierung in Ankara hat sich des Problems bei der Verkehrssicherheit schon vor Jahren angenommen: 2004 hat die Privatisierungsbehörde des türkischen Finanzministeriums die Einführung eines nichtstaatlich organisierten Fahrzeugüberwachungssystems ausgeschrieben. Der Zuschlag ging an das zu gleichen Teilen gemeinsam von TÜV Süd, dem Kfz-Generalimporteur Dogus Grubu und dem Infrastrukturspezialisten Akfen gegründete Konsortium TÜVTURK.

Nach einem dreijährigen Rechtsstreit mit der türkischen Ingenieurkammer fiel erst im vergangenen Jahr der Startschuss für den landesweiten Aufbau eines Netzes aus 189 TÜV-Stationen, der spätestens im Februar 2009 abgeschlossen sein soll. Zurzeit sind 21 Stationen in Betrieb, 47 stehen kurz vor der Fertigstellung und weitere 71 Stationen befinden sich im Bau.

Durch die Hauptuntersuchungen in den 21 laufenden Betrieben liegen die ersten Zahlen vor, die Aufschluss über den Zustand der Fahrzeuge in der Türkei geben. Und diese Zahlen bestätigen die Erwartungen: Von den 56.000 geprüften Fahrzeugen wiesen 41 Prozent erhebliche Mängel auf. Und dies bei Fahrzeugen zumeist neueren Alters. In Deutschland liegt die Zahl der erheblichen Mängel bei Autos vergleichbaren Alters laut dem aktuellen TÜV-Report lediglich bei 8,7 Prozent. Dr. Thomas Aubel, Geschäftsführer der TÜV Süd Auto International, gibt zu bedenken: „Da bislang hauptsächlich Besitzer neuer Fahrzeuge kommen, gehen wir davon aus, dass die Quote der Fahrzeuge mit erheblichen Mängeln noch deutlich steigen wird, wenn alle Autos bei TÜVTURK zur Prüfung kommen".

Zulieferer etablieren sich in der Türkei
Da viele Fahrzeugbesitzer schon aus Kostengründen eher die alten Autos reparieren lassen werden als sich ein Neufahrzeug anzuschaffen, ist mit einem vermehrten Bedarf nach Ersatzteilen zu rechnen. Die Nachfrage nach Teilen, Komponenten und Zubehör wird durch die seit Jahren rasch wachsende Automobilindustrie in der Türkei zusätzlich angekurbelt. Im Bereich der Zulieferindustrie sind rund 800 Firmen in der Türkei tätig, die Hälfte davon sind direkte Zulieferer für OEM.

Auch zahlreiche europäische Unternehmen haben die Türkei als Standort entdeckt oder bauen ihre Kapazitäten dort aus, worauf ein eventueller EU-Beitritt der Türkei sich positiv auswirken könnte. So plant Bosch bis 2009 weitere 28 Millionen Euro in sein Werk in Bursa zur Herstellung von Einspritzventilen für Benzinmotoren zu investieren. Jüngstes Beispiel für den Weg in die Türkei ist die Mahle-Gruppe, die Anfang 2008 mit einem Anteil von 60 Prozent beim türkischen Motorenteile-Hersteller Mopisan einstieg. Dabei kommt die Ausdehnung der Produktion in der Türkei nicht nur dem Unternehmen zugute.

Denn angesichts der immer größeren Variantenvielfalt bei Autoteilen bei einem gleich bleibend großen Fahrzeugbestand in vielen europäischen Ländern können Zulieferer wie Mahle nur dann kostengünstig den Markt versorgen, wenn sich für ihre Teile auch im Ausland Abnehmer finden. Und das setzt eine konkurrenzfähige Produktion voraus, um auf den weltweiten Märkten bestehen zu können. Und so kommt die zunehmende Sicherheit in der Türkei letztlich auch den Autofahrer in ganz Europa zugute.

Rasantes Wachstum am Bosporus
Mit exakt 1.099.414 Pkw, Lkw und Bussen schaffte die Türkei 2007 erstmals den Sprung über die Millionengrenze bei der Herstellung von Fahrzeugen. Auf diesem Erfolg will sich die Branche aber keineswegs ausruhen, vielmehr soll sich die Zahl der in der Türkei gebauten Autos bis 2012 auf rund 2 Millionen Fahrzeuge verdoppeln.

Allein im ersten Quartal 2008 wurden rund 350.000 Fahrzeuge produziert, ein Zuwachs von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit hat sich die Türkei in kurzer Zeit zu einem neuen Zentrum der europäischen Automobilindustrie entwickelt. Das Herz der türkischen Kraftfahrzeug-Produktion schlägt in den nordwestlichen Provinzen Istanbul, Koaceli, Bursa und Adapazari.

Dort hat sich der Großteil der 15 türkischen Hersteller von Pkw, Lkw und Bussen - meist Partner- oder Tochtergesellschaften internationaler Automobilkonzerne - angesiedelt und fertigt ausgewählte Modelle, die überwiegend in die EU exportiert werden. Im vergangenen Jahr war Ford mit 101.678 verkauften Fahrzeugen, darunter vielen leichten Nutzfahrzeugen, Marktführer in der Türkei, während in der Pkw-Sparte Renault mit 82.694 abgesetzten Autos die Nase vorn hatte.

 

Ansprechpartner
Foto von Ergün Kis

Ergün Kis

T +90 212 3177-421
ergunkis@kpmg.com

Partner, Länderspezialist für die Türkei

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laza C Blok Kat:17
Levent

34330 Istanbul
Türkei

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