Investmentstandort Korea: Wege aus der Zwickmühle
Obwohl Koreas neuer Präsident manche Herausforderung zu bewältigen hat, scheint die Liberalisierung der Wirtschaft gesichert. Ein Gastbeitrag von Brett Cole, Korea-Korrespondent des "Economist" in Seoul für KPMG's High Growth Markets Magazin - Ausgabe 02/2008.
Der koreanische Präsident Lee Myung-Bak verdankt seine Wahl der allgemein verbreiteten Auffassung, dass es dem erfolgreichen Geschäftsmann sicher gelingen dürfte, der Wirtschaft frische Impulse zu verleihen. Sieben Prozent Wirtschaftswachstum jährlich hatte Lee vergangenes Jahr während des Präsidentschaftswahlkampfs versprochen; er wollte das Durchschnittseinkommen der Koreaner auf 40.000 US-Dollar pro Jahr steigern und den Aufstieg des Landes zur siebtgrößten Wirtschaftsmacht der Welt einleiten.
Mehr als sechs Monate sind nun seit der Amtseinführung von Präsident Lee vergangen und vieles deutet darauf hin, dass seine ehrgeizigen Ziele nicht umsetzbar sind - insbesondere angesichts der potenziellen Einflüsse der globalen Finanzkrise. Laut OECD-Prognosen aus dem Sommer wächst Koreas Wirtschaft dieses Jahr um 4,3 und nächstes Jahr um 5 Prozent. Den Koreanern ist das nicht genug.
Die Kauflust der Verbraucher ist auf das niedrigste Niveau seit den Finanzkrisen der späten 1990er-Jahre gesunken. Rekordpreise für Öl, eine geschwächte Währung, gestiegene Zinsen und die immer höhere Inflationsrate haben dafür gesorgt, dass die Koreaner weniger ausgeben. Die Folge: Auch die koreanische Geschäftswelt muss den Gürtel enger schnallen.
Zufrieden mit Präsident Lees Amtsführung sind nur noch 24 Prozent der Befragten. 65 Prozent der Wähler halten seine Leistung für "mangelhaft", so das Meinungsforschungsinstitut Gallup. Einer Umfrage des „Institute of Global Management" in Seoul zufolge sind acht von zehn Unternehmenschefs von ihm enttäuscht.
Mitverantwortlich dafür ist qua Amt Lee selbst. Ein für einen Ministerposten vorgesehener Mitstreiter des Präsidenten sowie mehrere Berater mussten aufgrund ethischer Differenzen das politische Feld räumen. Im August sorgten zudem Begnadigungen von Wirtschaftsführern für Aufsehen, die in Konflikt mit koreanischen Gesetzen gekommen waren.
Dass die öffentliche Meinung sich zu dieser Zeit gegen Präsident Lee wandte, wurde deutlich bei den Rindfleisch-Protestaktionen im Sommer dieses Jahres. Um die zeitweise angespannten Beziehungen zu den USA wieder zu verbessern, erklärte sich Lee bereit, US-amerikanische Rindfleischimporte wieder zuzulassen. Diese Importe waren zuvor eingestellt worden, nachdem bei US-amerikanischen Rindern Fälle von Rinderwahnsinn aufgetreten waren.
Als bekannt wurde, dass die Rindfleischimporte wieder aufgenommen werden sollten, kam es zu Protesten der Koreaner. In der Innenstadt von Seoul versammelten sich am 10. Juni über 700.000 Demonstranten. Sie protestierten dagegen, dass die Regierung in dieser Frage keine Rücksicht auf die Wünsche der Bevölkerung genommen hatte.
Doch Präsident Lee ist ein Mensch, von dem Finanzminister Kang Mang-Soo sagt: "Dieser Mann gibt niemals auf". Deshalb hat Kang auch den strikten Auftrag, die Wirtschaft zu deregulieren und zu privatisieren. Präsident Lees „Grand National Party” verfügt über eine solide Parlamentsmehrheit. Und so dürfte die koreanische Nationalversammlung im Laufe einer wahrscheinlich erst im Dezember abgeschlossenen Parlamentssitzung wohl viele der 200 Gesetzesentwürfe zur Privatisierung von Staatsunternehmen ebenso billigen wie das Vorhaben zur Senkung der Unternehmenssteuern.
Jun Kwang-Woo, Vorsitzender des Finanzdienstleistungs-Ausschusses, geht davon aus, dass die Geschwindigkeit der Privatisierung von den Marktbedingungen abhängt und unterstreicht, dass die Regierung über das Interesse ausländischer Investoren an Unternehmen wie der "Industrial Bank of Korea" und "Hyundai Engineering & Construction" höchst erfreut ist. Jun möchte außerdem grünes Licht für die Übernahme der Korea Exchange Bank durch HSBC Holdings plc geben.
Präsident Lee geht derweil davon aus, dass der vergangenes Jahr mit den USA unterzeichnete Freihandelsvertrag vom Parlament gebilligt wird. Im von den Demokraten kontrollierten US-Kongress hingegen dürfte der Gesetzesentwurf auf größere Hindernisse stoßen. Die Europäische Union verhandelt derzeit ebenfalls über die Unterzeichnung eines Freihandelsvertrages mit Korea. Koreanische Unternehmervereinigungen hatten kräftig Druck ausgeübt, damit Freihandelsabkommen mit den USA und der EU zustande kommen. Sie gehen nämlich davon aus, dass ihr ohnehin hoher Anteil am Elektronik-und Automobilmarkt auf beiden Märkten nach einer Senkung der Zölle für diese Exportwaren noch einmal deutlich ansteigt.
Dem Eindruck, Koreaner seien protektionistisch, tritt die Regierung durch die Aufnahme ihrer Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit China weiter entgegen. Skeptiker prognostizieren seit nunmehr zwölf Jahren den Niedergang der koreanischen Industrie mit dem Argument, das Land sei in einer Zwickmühle zwischen dem Low-Cost-Land China und dem hoch entwickelten, kosteneffizienten Japan. "Ich habe meinen Mitarbeitern gesagt, dass wir die Japaner mit unseren High-End-Produkten und die Chinesen mit unserer Wettbewerbsfähigkeit auf Kostenebene schlagen können", erinnert sich Nam Sang-Tae, Chef von Daewoo Shipbuilding & Marine Engineering Corporation (DSME), dem drittgrößten Schiffsbauer der Welt.
Ein Beispiel: Im Jahr 2007 stellte Samsung Heavy Industries den ersten Öltanker vor, der dafür ausgelegt ist, Eis zu brechen, und sich so eigenständig den Weg durch Schiffsrouten mit Packeis bahnen kann. Nam weist darauf hin, dass koreanische Schiffsbauunternehmen auch im Entwicklungsbereich eine rege Tätigkeit entfalten: so entwickeln sie winterfeste Bohrinseln, investieren in Forschung und Entwicklung nuklearer Marinetechnik und werden so schon bald ihre finnischen und deutschen Wettbewerber in der Schiffsmotorenbranche eingeholt haben.
Sein Kollege Dermot Boden, Chief Marketing Officer bei LG Electronics, wiederum hat das Ziel ausgegeben, sein Unternehmen bis 2012 als globale Marke in der Riege der "Top Three" zu positionieren. LG entwickelte als erstes Unternehmen eine Dampfwaschmaschine und ein Handy mit Touchscreen. Boden erläutert, dass LG-Forschungsteams sogar Verbraucher zuhause besuchen und fragen, warum sie bestimmte Produkte für den Hausgebrauch erworben haben und welche Produkte sie gerne noch hätten.
Und auch dieses Beispiel ist aussagekräftig: Als der Stahlhersteller Posco im Jahr 1968 gegründet wurde, weigerte sich noch die Weltbank, die Unternehmensgründung zu unterstützen. "Die Experten der Weltbank argumentierten damals, dass die Stahl-industrie in einem Land wie Korea ohnehin nicht überlebensfähig sei", erinnert sich Posco-CEO Lee Ku-Taek. Heute ist sein Unternehmen mittlerweile zum viertgrößten Stahlhersteller der Welt avanciert - und die Umsatzprognose des Unternehmens für 2008 liegt bei 42 Milliarden US-Dollar. Wenn die Geschichte eine Lehre über Korea erteilt hat, dann die: man sollte das Land niemals unterschätzen.
Der Autor
Brett Cole ist seit 2007 Landeskorrespondent für Korea des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist" in Seoul. Zuvor berichtete er jahrelang als Reporter für den amerikanischen Bloomberg-Konzern aus den USA, Taiwan und Japan. Zu seinen Themenschwerpunkten gehörten die Private Equity-Branche sowie Investmentbanken. Von 2000 bis 2002 etablierte er von Taiwan aus Bloombergs Private Equity-Berichterstattung im Asien-Pazifik-Raum. Der Wirtschaftsjournalist hat gerade sein neues Buch „M&A Titans: The Pioneers Who Shaped Wall Street's Mergers and Acquisitions Industry" veröffentlicht.
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