Verrechnungspreisgestaltung: Auf der Verlustinsel
Durch rigide Verrechnungspreissysteme können Konzerne in existenzbedrohende Liquiditätsprobleme geraten. Zentralisierte Geschäftsmodelle verschärfen die Situation in der Krise noch.
Derzeit zeigt die Globalisierung ihre Kehrseite. Der Konsumeinbruch in den westlichen Volkswirtschaften trifft die asiatischen Exportländer schwer - mit drastischen Folgewirkungen für die deutsche Investitionsgüterindustrie, zusammen mit dem Automobilsektor das Herzstück der deutschen Volkswirtschaft.
Viele Konzerne verlieren krisenbedingt an Profitabilität
Viele mittelständische und große Industrieunternehmen sind inzwischen mit Auftragsrückgängen historischen Ausmaßes konfrontiert. Das wirkt sich auf die Profitabilität der Konzerne entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette aus. Vertriebsgesellschaften mit hohen Personalkosten geraten durch wegbrechende Umsätze in die Verlustzone. Produktionswerke leiden unter steigenden Überkapazitäten.
Die Fixkosten in zentralen Dienstleistungen und in der Konzernsteuerung lassen sich durch die Erträge im operativen Geschäft oft nicht mehr abdecken. Die schwierige Lage am Kreditmarkt verstärkt diese Effekte noch.
Vor einem Jahr galt überschüssige Liquidität als Indiz fehlender unternehmerischer Perspektiven und ineffizienten Managements. Nun lassen sich die aus dem operativen Geschäft resultierenden rückläufigen Cashflows kaum mehr durch Fremdfinanzierung kompensieren, da die Banken bei der Kreditvergabe immer restriktiver werden.
Verrechnungspreissysteme können in der Krise die Liquidität einschränken
Vor diesem Hintergrund überprüfen betroffene Unternehmen derzeit alle Maßnahmen, um nicht unnötig Liquidität einzubüßen. Hierzu zählen auch Änderungen der innerbetrieblichen Leistungsverrechnung im Konzern.
Verrechnungspreissysteme können eine Ursache für Liquiditätsengpässe in der Krise sein, insbesondere dann, wenn einige Konzerngesellschaften profitabel sind und andere Verluste bündeln. Solche Verlustinseln treiben die effektive Steuerbelastung des Konzerns nach oben und belasten die Cash-Situation.
Klassische Ad-hoc-Verrechnungspreismaßnahmen zur Verbesserung der Liquiditätsposition - wenn Verlustinseln im Ausland liegen - sind zum Beispiel Forderungsverzichte, Marketing-Zuschüsse oder Verlustübernahmen im Projektgeschäft.
Solche Schritte lassen sich auch bei unklaren rechtlichen Verpflichtungen im Inland als angemessen dokumentieren, vorausgesetzt die Konzernmutter fungiert in der Wertschöpfungskette als Strategieträger und Entscheidungszentrum. Sie muss langfristig einen größeren unternehmerischen Nutzen daraus ziehen, außerplanmäßige Schieflagen bei Töchtern kurzfristig zu vermeiden.
Weitaus schwieriger gestaltet sich die Situation, wenn die Konzernmutter selbst die Verlustinsel im Inland ist. Durch rigide Verrechnungspreissysteme - über Cost-plus-Vergütungen oder garantierte Vertriebsnettomargen - haben viele Konzerne ihre Auslandstöchter in eine faktische Dauergewinnposition gebracht, während das Unternehmen insgesamt krisenbedingt Verluste macht.
Haben die Unternehmen im Aufschwung die Möglichkeit einer Krise verdrängt?
Im Inland kommt es also zu signifikanten Verlusten; im Ausland fallen weiter Steuern an. Auch hier lässt sich ad hoc mit Aktivitäten zur Liquiditätsoptimierung gegensteuern.
Solche Maßnahmen gehen aber nicht nur zulasten der profitablen Auslandsgesellschaften, sondern erhöhen auch das Risiko, von ausländischen Finanzverwaltungen zu Korrekturen der Einkünfte gezwungen zu werden. Denn derartige Anpassungen stehen nicht nur im Widerspruch zu existierenden Leistungsverträgen und Richtlinien, sondern auch zur alleinigen Strategieträgerschaft der Muttergesellschaft und den Entscheidungsprozessen im Konzern.
Zentralisierte Geschäftsmodelle verschärfen existenzbedrohende Liquiditätsengpässe noch. Sie zeigen auch, dass die Unternehmen über den Aufschwung in der Vergangenheit die Möglichkeit von Krisen verdrängt haben.
Dezentrale Geschäftsmodelle mit neuen Chancen
Als Konsequenz erwägen derzeit viele Konzerne, nicht nur temporär, sondern dauerhaft von zentralisierten Geschäftsmodellen auf dezentralere Co-Entrepreneur-Modelle umzuschwenken.
Durch eine Umstellung, die den Auslandsgesellschaften langfristig mehr Ertragschancen bietet, ergibt sich auch die Rechtfertigung, kurzfristig und steuerlich effizient Konzernverluste auf mehrere Rechtseinheiten zu verteilen. So lassen sich steuerlich bedingte Cash-Verluste reduzieren. Ob hierdurch steuerrelevante Entstrickungen notwendig werden, ist im Einzelfall zu prüfen.
Zu berücksichtigen ist ferner, dass für eine langfristige steuerliche Akzeptanz im In- und Ausland eine Geschäftsmodellumstellung auch in der betriebswirtschaftlichen Organisation ihren Niederschlag finden muss. Das betrifft Entscheidungs- ebenso wie Steuerungsprozesse. Die Umstellung solcher Prozesse lässt sich in Krisenzeiten leichter bewerkstelligen, da es nun ohnehin notwendig wird, bestehende betriebswirtschaftliche Ineffizienzen aufzudecken und zu beheben.
Entschlossen handeln: Erfolgreich aus der Krise
Die schwerste Phase der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise scheint überwunden - aber die Folgen des Einbruchs werden noch lange zu spüren sein. Mit "Entschlossen handeln" möchte KPMG Unternehmen eine Orientierungshilfe bieten, um sich auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. Die Publikation skizziert makroökonomische Entwicklungen, analysiert Chancen und Risiken in den Branchen und geht auf wichtige strategische Themen ein.
Größe: 4315,25kB
