Rohstoff- und Energierisiken: Sicherheit zwischen Boom und Baisse
Der Rohstoffmarkt ist besonders volatil. Spannend für Spekulanten - gefährlich für Hersteller. Preisrisiken zu managen, spart Kosten und steigert die Planungssicherheit.
Wie viel: 100, 200, 300 - oder doch nur 50 Dollar? Beim Preis für ein Fass Rohöl gehen die Prognosen der Spezialisten weit auseinander. Der britische Energieforscher Nick Butler etwa hält langfristig einen Preis von 40 Dollar für möglich. Sein französischer Kollege Olivier Appert, Chef des Forschungsinstituts IFP, schließt auch 300 Dollar nicht aus. Laut Energieexpertin Claudia Kemfert vom DIW in Berlin ist zumindest eines sicher: Öl dürfte bald wieder teurer werden.
Spekulanten, Schwellenländer, Einzelstaaten, Kartelle
Im Krisenjahr 2008 stieg der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent auf fast 150 Dollar an, stürzte dann auf unter 40 Dollar ab. Im Oktober 2009 notierte der Preis wieder bei über 70 Dollar. Eine Entwicklung, die stellvertretend für den gesamten Rohstoffmarkt steht. Der Kupferpreis etwa betrug im vergangenen Herbst noch über 7.000 Dollar je Tonne. Anfang 2009 fiel er auf unter 3.000 Dollar, inzwischen hat er sich mehr als verdoppelt.
Ähnlich dramatisch entwickelten sich auch die Preise für Aluminium, Blei, Nickel, Zink und Zinn. Agrarrohstoffe wie Baumwolle, Weizen und Soja verzeichneten ebenfalls starke Schwankungen. Was verursacht diese extreme Volatilität? Die naheliegende Antwort lautet: das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage. Durch den weltweiten Konjunktureinbruch sind die Rohstoffkosten drastisch gesunken, weil die Nachfrage bei Unternehmen und Investoren zurückging. Nun zieht die Wirtschaft wieder an - also steigen mit der Nachfrage auch die Preise.
Spekulationsgeschäfte mit großem Einfluss
Tatsächlich spielen bei Rohstoffen aber ganz unterschiedliche Faktoren in die Preisbildung hinein. Vermehrten Einfluss haben seit einigen Jahren Spekulationsgeschäfte. Der Markt boomt; auch Kleinanleger schließen Zukunftswetten auf Öl, Stahl oder Kakao ab. „Mitverantwortlich für die großen Preisschwankungen sind aber vor allem Finanzanleger wie Versicherungen und Stiftungen", sagt Commerzbank- Analyst Eugen Weinberg.
Die USA wollen die Rohstoffbörsen künftig strenger kontrollieren und die gehandelten Positionsgrößen begrenzen. Auch das außerbörsliche Termingeschäft gerät ins Visier. „Viele Anleger werden sich zurückziehen, sobald die neuen Regeln greifen. Die Rohstoffpreise geraten dadurch tendenziell unter Druck", prognostiziert Weinberg. Auch die Schwellenländer sind wichtige Akteure auf den Rohstoffmärkten. Chinas State Reserve Bureau (SRB) hat die niedrigen Preise Anfang 2009 genutzt, um Absicherungskäufe im großen Stil zu tätigen.
Starker Player China
„Der stabilisierende Effekt dieser Käufe zeigt, was für eine starke Rolle China auf den Rohstoffmärkten spielt - physisch wie psychisch", sagt Weinberg. Bloß künstlich ist die gestiegene Nachfrage freilich nicht: Wie die Industriestaaten haben Schwellenländer wie Indien oder China milliardenschwere Konjunkturpakete aufgelegt. Nun laufen rohstoffintensive Infrastruktur- und Bauprojekte an. „Wir steuern auf eine Rohstofflücke zu", warnte kürzlich der Chef des BDI-Ausschusses für Rohstoffpolitik Ulrich Grillo. Er appellierte an die Politik, sich stärker für den Abbau von Handels- und Wettbewerbsverzerrungen einzusetzen.
Denn auch der politische Rahmen trägt zur Stabilisierung des Rohstoffmarktes bei - oder zu mehr Volatilität. So können Aussagen der Finanzminister der G20- Staaten den Ölpreis stützen. Streitigkeiten innerhalb der OPEC - oder Alleingänge von Nichtmitgliedern wie Russland - führen häufig zum Gegenteil.
Mittelstand entwickelt größeres Bewusstsein
Unternehmen mit hohem Energie- und Rohstoffbedarf müssen weiterhin mit extremen Preisschwankungen rechnen. Das heißt: Auf Windfall Profits folgen womöglich unerwartete Gewinneinbrüche. Neubewertungen von Lagerbeständen können sich negativ in der Bilanz niederschlagen. Das turbulente vergangene Jahr habe die Notwendigkeit des Managements von Rohstoffpreisrisiken auf die Agenda der Unternehmen gebracht, heißt es im aktuellen Rohstoffbericht der Landesbank Baden-Württemberg.
„Immer mehr Unternehmen werden sich ihrer Risiken bewusst, auch im Mittelstand", hat KPMG-Rohstoffspezialist Steffen Reisch-Meissner beobachtet. „Dafür ein Risikomanagementsystem zu etablieren, ist aber noch nicht selbstverständlich." Dabei trägt eine konsequent umgesetzte Rohstoffrisikostrategie dazu bei, die derzeit wichtigsten Ziele auf der Unternehmeragenda zu erreichen: Kosten senken, Planungssicherheit schaffen, Wachstum sichern.
Risiken besser managen
Die Rohstoffproblematik stellt hohe Anforderungen an das Risikomanagement. Die Unternehmen sind mit einer Kombination von Risiken konfrontiert: Zum Preisrisiko kommt das Wechselkursrisiko, da der Kauf und die Absicherung ja meist in ausländischen Währungen erfolgen.
Zudem sind auch Transferrisiken bei der Überführung der Rohstoffe zu beachten, also etwa Ausfuhrbeschränkungen, politische Risiken oder (im Agrarbereich) Wetterrisiken. „Der Rohstoffmarkt bleibt volatil, die Risiken steigen", fasst Reisch-Meissner zusammen. „Damit müssen die Unternehmen umgehen können, um langfristig und nachhaltig erfolgreich zu bleiben."
Entschlossen handeln: Erfolgreich aus der Krise
Die schwerste Phase der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise scheint überwunden - aber die Folgen des Einbruchs werden noch lange zu spüren sein. Mit "Entschlossen handeln" möchte KPMG Unternehmen eine Orientierungshilfe bieten, um sich auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. Die Publikation skizziert makroökonomische Entwicklungen, analysiert Chancen und Risiken in den Branchen und geht auf wichtige strategische Themen ein.
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Ansprechpartner
Dr. Steffen Reisch-Meissner
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