Stiftungsstudie: Transparenz verbessern und Risiken intensiver managen
Erstmals analysiert eine repräsentative Studie (PDF, 2.3 MB) des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen die Organisation von Gremien, das Finanz- und Rechnungswesen sowie Risikomanagement und Kontrolle in Stiftungen. Die Ergebnisse dieser von KPMG geförderten Befragung basieren auf den Antworten von 202 Stiftungen.
In drei Viertel aller Stiftungen arbeiten die Leitungsgremien ehrenamtlich. Mit zunehmender Stiftungsgröße steigt der Anteil hauptamtlicher Vorstände. Für die Auswahl von Mitgliedern des Leitungsgremiums ist insbesondere Kompetenz im Bereich der Zweckverwirklichung entscheidend. Kompetenz in der Vermögensbewirtschaftung wird hingegen weniger gefordert. Dieses Ergebnis überrascht, nachdem die Finanzkrise auch den Stiftungen die hohen Risiken in diesem Bereich vor Augen geführt hat. Hier ist also ein Umdenken empfehlenswert.
Aufsichtsgremien überwiegend ehrenamtlich besetzt
Zusätzlich zur staatlichen Stiftungsaufsicht kontrolliert in 77 Prozent aller Stiftungen ein eigenes Organ die Leitung. Die Mitglieder von Aufsichtsgremien sind fast ausnahmslos ehrenamtlich tätig. Für deren Auswahl spielen vor allem der gesellschaftliche Status und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (z.B. Stifterfamilie) eine Rolle.
Klare Regeln zur Problematik der Befangenheit notwendig
Die Studie zeigt, dass mit zunehmender Stiftungsgröße Mitglieder von Gremien im Falle der Befangenheit von der Entscheidung über Fördermaßnahmen ausgeschlossen sind. Allerdings sieht nur die Hälfte der Stiftungen das Problem der Befangenheit und schließt Gremienmitglieder von bestimmten Beschlussfassungen aus. Stiftungen sollten hierzu klare Regeln entwickeln und deren Einhaltung kontinuierlich überwachen. „Gerade an dieser Stelle können Versäumnisse dazu führen, dass die Qualität der Zweckerfüllung nachlässt und die Mittel nicht im Stiftersinne verwendet werden. Wird dies öffentlich bekannt, ist die Reputation nicht nur der einzelnen Stiftung, sondern des gesamten Stiftungssektors in Gefahr", so KPMG-Stiftungsspezialistin Susanne Zeidler.
Mehrwert durch Abschlussprüfung
Mehr als die Hälfte der befragten Stiftungen (53 Prozent) lässt eine Abschlussprüfung durch einen externen Wirtschaftsprüfer durchführen, obwohl dies gesetzlich nicht vorgeschrieben ist. Dazu Susanne Zeidler: „Unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten ist zu berücksichtigen, dass die Abschlussprüfung von Stiftungen neben der Prüfung des Zahlenwerkes auch die satzungsmäßige Zweckerfüllung und die Erhaltung des Stiftungsvermögens umfasst. Gerade hier kann die Abschlussprüfung nicht nur vertrauensbildend wirken, sondern auch den Stiftungsgremien einen echten Mehrwert liefern."
Angaben zu den angewendeten Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden und verbale Erläuterungen zum Zahlenwerk in Form eines Anhangs gibt nur gut die Hälfte der Stiftungen. Dies hat insbesondere bei größeren Stiftungen zur Folge, dass Außenstehende die Zahlen nicht verlässlich beurteilen können und ein Vergleich mit anderen Stiftungen nicht möglich ist.
Eine Kapitalerhaltungsrechnung wird nur von 42 Prozent der Befragten erstellt. Hier besteht aus Sicht des Bundesverbandes Handlungsbedarf, da die Leistungsfähigkeit einer Stiftung über Jahrhunderte gesichert bleiben sollte.
Vielfach beträgt das Stiftungskapital weniger als eine Million Euro
Gegenüber ihren Gremien und der staatlichen Aufsichtsbehörde handeln Stiftungen transparent, indem sie regelmäßig die gesetzlich verlangten Berichte erstellen. Doch veröffentlichen nur neun Prozent wirtschaftliche Angaben in Form eines gedruckten Jahresberichts. Bei 60 Prozent der befragten Stiftungen beträgt das Kapital weniger als eine Million Euro; die entsprechend geringen Erträge würden bei der Produktion eines hochwertigen gedruckten Jahresberichts zu einem Großteil für Verwaltungskosten verbraucht.
Internet für wirtschaftliche Angaben kaum genutzt
Lediglich sechs Prozent der Stiftungen geben an, ihre wirtschaftlichen Angaben im Internet zu veröffentlichen. Dies verwundert, da ein Fünftel der Stiftungen auch um Spenden oder Schenkungen wirbt und im eigenen Interesse offensiv kommunizieren sollte. Nach Auffassung des Bundesverbandes könnten die ohnehin an die Stiftungsaufsicht gemeldeten Informationen ohne Mehraufwand online publiziert werden und die Transparenz deutlich erhöhen.
Kontrollprinzipien überwiegend nur informell etabliert
Meist wird in Stiftungen nach dem (informellen) Vier-Augen-Prinzip gehandelt, das als gängiges und fast selbstverständliches Kontrollprinzip in nahezu allen Stiftungen verankert ist (93 Prozent). Fast 70 Prozent der Stiftungen besitzen ein definiertes Genehmigungsverfahren bei der Auszahlung von Stiftungsgeldern. Hier besteht also bei 30 Prozent der Stiftungen Verbesserungsbedarf, handelt es sich doch bei der Auszahlung von Stiftungsgeldern um einen Kernprozess der Stiftungstätigkeit. Susanne Zeidler: „Auch hier gilt: Eine Fehlverwendung kann sich gravierend auf die Reputation der einzelnen Stiftung wie auch des Stiftungssektors insgesamt auswirken".
Lücke zwischen gefühlter Sicherheit und tatsächlicher Risikolage?
Mit Risikomanagement und Kontrolle befassen sich die zumeist sehr kleinen und ehrenamtlich geführten Stiftungen kaum. Etwa 45 Prozent der Stiftungen führen regelmäßig eine Risikoanalyse durch. Dies ist um so verwunderlicher, als finanzielle Risiken bei der Anlage von Stiftungsvermögen oder im Falle von Untreue sehr rasch die Existenz der Stiftung bedrohen können..
Nahezu alle Stiftungen sind jedoch davon überzeugt, die Einhaltung von Gesetzen und internen Richtlinien vollkommen oder überwiegend sicherstellen zu können. Hier stellt sich die Frage, ob die gefühlte Sicherheit nicht zu weit entfernt ist von den tatsächlichen Risiken in einer komplexen Umwelt.
Insgesamt zeigt die Studie, dass Führung, Steuerung und Kontrolle in der Stiftungspraxis häufig noch keine herausragende Rolle spielen. Hier besteht in einzelnen Bereichen durchaus Handlungsbedarf. Außerdem haben viele Stiftungen das Potential, sich der Öffentlichkeit stärker zu öffnen und Transparenz als Mittel der Vertrauensbildung zu nutzen.
Führung, Steuerung und Kontrolle in der Stiftungspraxis
Die Stiftungsstudie analysiert die Organisation der Stiftungsgremien, Finanz- und Rechnungswesen, Risikomanagement und Kontrolle in Stiftungen. Mit ihrer Hilfe gelingt es erstmals, die deutsche Stiftungslandschaft zu beschreiben und entsprechende Schlussfolgerungen zu erarbeiten.
Datum: 20.05.2010 | Größe: 2222,57kB




