Strategiefragen: Innovationen von Welt
„Deutschland ist ein Hochqualitätsstandort mit großen Kompetenzen", sagt Andreas Dressler, Leiter des Bereichs Global Location and Expansion Services bei KPMG. Trotzdem lohne es sich für innovative mittelständische Unternehmen, über eine Internationalisierung ihrer F&E-Aktivitäten nachzudenken. „Wer global agieren und konkurrenzfähig bleiben will, wird versuchen, auch vor Ort Know-how und Kompetenzen zu bündeln", so Dressler. „Das Ziel ist, Zugang zu hochqualifiziertem Personal zu haben und zugleich Kundenanforderungen vor Ort erfüllen zu können."
Lokale Marktbedürfnisse treiben die Unternehmen an
In der Unternehmenspraxis, etwa in der Automobilzuliefererindustrie, beobachtet der Standortspezialist häufig eine sukzessive Verlagerung: „Nach und nach wandern Entwicklungskompetenzen und Forschungsabteilungen an den Standort im Ausland, wo ein Produkt bereits erfolgreich hergestellt wird."
In vielen Fällen trieben lokale Marktbedürfnisse die Unternehmen an, auch vor Ort zu forschen und zu entwickeln. Als Beispiel nennt Dressler den Markt für persönliche Pflegeprodukte, wo lokale Produktbedürfnisse der Bevölkerung besonders ausgeprägt seien.
Im Kommen für F&E: die neuen Wachstumsmärkte
Für mittelständische Unternehmen ist die Verlagerung von Know-how und Innovationskompetenzen vor allem eine Frage des Vertrauens. „Neue Standorte für Forschung und Entwicklung müssen sich mit Blick auf die Effektivität und Effizienz erst beweisen", sagt der F&E-Fachmann Dieter Becker, Partner bei KPMG in Stuttgart. Vergleichbarkeit und Transparenz seien daher entscheidend.
„Oft hören wir von den Ingenieuren und Entwicklern, dass sie an sehr speziellen Projekten arbeiten, für die ganz bestimmte Standortkriterien gelten", so Becker. „Solche Aussagen müssen aber anhand der tatsächlichen Komplexitätsfaktoren und durch Benchmarks überprüft werden, soll eine Standortoptimierung erfolgreich sein."
Deutsche Großunternehmen, aber auch immer mehr mittelständische Unternehmen internationalisieren ihre Innovationskompetenzen. Besonders beliebt: das EU-Ausland sowie Mittel- und Osteuropa. Auch die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) und weitere Schwellenländer in Asien und Lateinamerika sind im Kommen.
Risikobereich: die sensiblen Kernkompetenzen
„Die neuen Wachstumsmärkte gewinnen als F&E-Standorte immer mehr an Bedeutung", sagt Thorsten Amann, Leiter International Markets Practice bei KPMG. Die Vorteile: noch relativ geringere Kosten sowie staatliche Förderprogramme und Steuererleichterungen, die insbesondere für ausländische Unternehmen interessant sein können.
Die Verlagerung von F&E und innovativem Know-how birgt jedoch auch das Risiko, einen technologischen Entwicklungsvorsprung zu schnell preiszugeben. „Für sensible Kernkompetenzen bieten sich daher eher Wachstumsmärkte wie Korea oder Taiwan an, in denen das intellektuelle Eigentum deutlich besser geschützt ist", so Amann. Zumal sich der Kostenvorteil in Märkten wie China in den vergangenen Jahren bereits schrittweise reduziert hat.
„F&E internationaler als jeder andere Unternehmensbereich"
Amann: „Immer mehr zum Problem wird auch in den aufstrebenden neuen Märkten das sogenannte ,talent gap' - das Angebot an Fachkräften kann die große Nachfrage der Industrie nicht decken. Das ist schon heute ein nicht zu unterschätzender Preistreiber."
Durch den Trend zur Internationalisierung gerät der Forschungsstandort Deutschland nicht zwangsläufig ins Hintertreffen. Viele ausländische Unternehmen setzen auf den F&E-Standort Deutschland. Nach Berechnungen des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft kommt jeder vierte Euro, der hierzulande in die Industrieforschung fließt, von deutschen Tochterfirmen einer ausländischen Unternehmensgruppe. Im vergangenen Jahr seien so 11,4 Milliarden Euro zusammengekommen. Deutschland ist damit laut Stifterverband weltweit der zweitgrößte Forschungsstandort ausländischer Unternehmen nach den USA (26 Milliarden Euro) und vor Großbritannien (10 Milliarden Euro).
„F&E ist heute wohl internationaler als jeder andere Unternehmensbereich", so Dressler. In führenden Technologie-Unternehmen setze sich das zentrale Forschungsteam oft aus Chinesen, Indern, Deutschen, Russen, US-Amerikanern und Spitzenkräften aus weiteren Ländern zusammen. Zwei Strategien kämen daher in Frage, um die besten Mitarbeiter zu gewinnen: Man holt sich die Spitzenkräfte an den Standort oder man verlegt den Standort dorthin, wo die Spitzenkräfte sind.
Die Besten gewinnen
Im Vergleich etwa zu den USA genieße Deutschland unter Akademikern jedoch nicht den besten Ruf, sagt Dressler. „Das macht es oft schwierig, die Besten für den heimischen Standort zu gewinnen."
Die Verfügbarkeit von hochqualifiziertem Personal ist entscheidend für Unternehmen, die ihre Standort-Strategie überprüfen. Weitere wichtige Fragen im Überblick:
- Ist die Lebensqualität am Standort hoch genug, um Spitzenkräfte zu binden?
- Ist die Nähe zu spezialisierten Einrichtungen, wie z. B. Universitäten und wissenschaftlichen Instituten, gegeben?
- Gibt es bereits Forschungsparks sowie öffentliche und private Netzwerke?
- Konkurrenzsituation: Binden Wettbewerber vor Ort bereits Know-how und Personal? Welche Möglichkeiten der F&E-Förderung bestehen?
- Wie sicher ist das betriebseigene Know-how am Standort?
Quelle: Vorreiter - Magazin für Unternehmer, Ausgabe 2 (Sommer 2008)
Der Innovation Hub ist die zentrale Schaltstelle im Innovationsprozess bei KPMG: Die Plattform fördert und evaluiert Ideen konsequent bis zur Markteinführung.
Die Tochtergesellschaft eines großen deutschen Automobilzulieferers beauftragte KPMG, sie bei der Optimierung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu unterstützen.