Vietnam: jung und ehrgeizig

Vietnam wird nicht nur als Produktionsstandort, sondern auch als Absatzmarkt immer bedeutender. Investitionen in dem südostasiatischen Land müssen aber sorgfältig vorbereitet werden.

Bereits 1994 investierten vor allem deutsche Industrieunternehmen bedeutende Summen in Vietnam. Sie hatten entdeckt, dass es dort nicht nur günstige, sondern auch gut ausgebildete Arbeitskräfte gab - außerdem viele Deutsch sprechende Akademiker, die in der DDR studiert hatten. Doch mit der Asien-Krise 1997 war dieser „kleine Vietnam-Boom" vorbei. Das sozialistische Land war noch nicht so weit, um als Investitionsziel dauerhaft interessant zu sein.

„Der aktuelle, zweite Vietnam-Boom steht auf einer ganz anderen Basis", erklärt Thorsten Amann, Partner und Head International Markets Practice bei KPMG. „Heute blicken alle Industrienationen nach Vietnam, das sich zu einem der dynamischsten Schwellenländer entwickelt hat." Die Regierung leistet gute Arbeit bei der Verbesserung der regulatorischen Rahmenbedingungen für ausländische Firmen. Ein wichtiger Meilenstein war die Aufnahme des Landes in die Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2007 - Vietnam empfiehlt sich damit als zuverlässiger Handelspartner.

Das Wirtschaftswachstum des Landes liegt im langjährigen Durchschnitt bei sieben Prozent, 2007 waren es sogar 8,5 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt verdoppelte sich zwischen 1998 und 2006 auf 61 Milliarden US-Dollar. Beste Wachstumsaussichten „Vietnam ist sehr interessant im Rahmen einer so genannten ,China-plus-one'- Strategie. Also für Unternehmen, die in Asien produzieren wollen, denen China aber schon zu teuer wird", so Amann.

„Die Arbeitskräfte hier sind gut ausgebildet und ehrgeizig, die Löhne aber noch auf einem günstigen Niveau." Vietnam wird auch als Absatzmarkt immer attraktiver. Die Bevölkerung ist jung und konsumhungrig. Das verfügbare Einkommen liegt inzwischen bei 30 Milliarden US-Dollar - beste Aussichten also für Konsumgüterhersteller und Einzelhandelskonzerne.

Internationale Finanzdienstleister profitieren vom zunehmenden Wohlstand der Vietnamesen und ihrer Nachfrage nach Vorsorgeprodukten ebenso wie vom Wachstum und Kapitalbedarf der einheimischen Unternehmen. So hat sich die Deutsche Bank im vergangenen Oktober mit zehn Prozent an der vietnamesischen Habubank beteiligt. „Wir glauben an Vietnams Wachstumspotenzial", erklärt Rainer Neske, Mitglied des Group Executive Committee der Deutschen Bank. „Mit unserer Beteiligung wollen wir an der weiteren Entwicklung dieses Marktes teilhaben."

Nicht nur Finanzdienstleistern bieten sich durch die bevorstehende Privatisierungswelle gute Investitionsgelegenheiten. „In den nächsten drei Jahren steht die Privatisierung von rund fünfzig großen Staatsunternehmen an. Dazu gehören Banken und Fluggesellschaften ebenso wie Industrieunternehmen aller Art", so Amann. „Das Interesse von strategischen wie auch Finanzinvestoren ist enorm."

Mehr Transparenz im Verkaufsprozess verspricht die State Capital Investment Corporation, die Ende 2006 die Verwaltung der staatlichen Beteiligungen übernommen hat. Chancen bietet außerdem die Modernisierung der Infrastruktur. Ho-Chi-Minh-Stadt etwa, eine Metropole mit über fünf Millionen Einwohnern, verfügt bisher über kein vernünftiges Nahverkehrsnetz. Bald beginnt der Bau der ersten U-Bahn-Linie. Amann: „Das ist ein Megaprojekt, das Bauunternehmen und Planungsfirmen aus der ganzen Welt anzieht."

Die meisten Vietnam-Investoren kommen aus Asien, etwa aus Japan und Südkorea, aber auch aus den USA und Europa. „Deutsche Firmen waren mit Investments hier noch verhältnismäßig zurückhaltend", sagt Jan Noether, Vorsitzender der Deutschen Auslandshandelskammer in Vietnam. „Aber in den letzten Monaten spüren wir ein zunehmendes Interesse." Doch wo Licht ist, ist auch Schatten.

So hindern verbreitete Korruption und Bürokratie ausländische Firmen immer wieder daran, ihre Pläne wie vorgesehen umzusetzen. Genehmigungsverfahren, Schwierigkeiten beim Landerwerb und Steuerthemen sind häufig genannte Hindernisse bei der Aufnahme einer Geschäftstätigkeit in Vietnam. Darum sollten sich Firmen auf ein geplantes Engagement sorgfältig vorbereiten und Informationen einholen. Etwa über die steuerlichen Rahmenbedingungen: „Das Land ist immer noch sozialistisch und daher kein Niedrigsteuerland", betont Robert Kees, Director Business Development South-East Asia bei KPMG in Singapur. Zwar gibt es für Neuinvestoren in der ersten Zeit so genannte „Tax Holidays", doch anschließend werden spürbare Unternehmens- und Einkommensteuern fällig.

„Es ist wichtig, von Anfang an das richtige Modell zu wählen", sagt Kees. „Deshalb sollte einer Transaktion stets eine umfangreiche Tax Due Diligence vorausgehen." Eine weitere Herausforderung ist die Rechnungslegung. Unternehmen, die sich in Vietnam niederlassen, müssen ihre Systeme so anpassen, dass sie die lokalen Standards erfüllen und zugleich mit dem übrigen Unternehmen kompatibel sind. „Solche Projekte kann man nur bewältigen, wenn man Spezialisten hat, die vietnamesisches GAAP ebenso wie internationale Rechnungslegungsvorschriften beherrschen und sowohl Vietnamesisch als auch Englisch sprechen", so Kees. Immer häufiger interessieren sich auch Finanzinvestoren für den vietnamesischen Markt. Venture Capital-Fonds wie VinaCapital haben in den vergangenen zwei Jahren mehrere Milliarden US-Dollar für Investitionen in Vietnam eingesammelt.

Dieses Geld muss investiert werden, um die den Anlegern in Aussicht gestellte Rendite zu erwirtschaften. Der Anlagedruck hat bereits zu einer deutlichen Verteuerung von Investitionsgütern wie Bauland, Gebäuden, Fabriken oder Rohstoffen geführt. „Langsam werden die Kaufobjekte knapp", weiß Amann. „Die Preise steigen, und die Fonds beteiligen sich zunehmend an Greenfield-Investments, also Neuansiedlungen. Das ist mit größeren Risiken und einem höheren Beratungsbedarf verbunden." Vietnam profitiert sowohl von der guten Weltkonjunktur als auch von der wachsenden Inlandsnachfrage, und die Direktinvestitionen dürften weiter zunehmen. „Jetzt ist der Zeitpunkt, wo auch der Mittelstand den Schritt nach Vietnam wagt und die Konzerne, die schon seit Jahren vor Ort sind, ihre Expansion starten", so Amann. „Privatisierung und Modernisierung werden auf Jahre hinaus für einen Zustrom an ausländischem Kapital sorgen."

 

Investieren in Vietnam

Chancen:
. Preiswerte und qualifizierte Arbeitskräfte
. Stabiles Wirtschaftswachstum
. Rasche Entwicklung des Konsumgütermarktes durch starkes Bevölkerungswachstum und aufstrebende Mittelschicht
. Zahlreiche Privatisierungsprojekte
. First-Mover-Vorteile
. Strategisch günstige Lage
. Politische Stabilität
. Deutschlandfreundliches Investitionsklima

Risiken:
. Schwierigkeiten beim Landerwerb
. Mängel in der Infrastruktur
. Nur vorübergehende Steuererleichterungen
. Verbreitete Korruption

Ansprechpartner

Thorsten Amann

T +49 89 9282-1115
tamann@kpmg.com

Partner, Leiter High Growth Markets Practice

KPMG
Ganghoferstraße 29
80339 München

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