"Kliniken, die sich nicht mit Zukunftsfragen beschäftigen, werden vom Markt verschwinden"

Im Interview mit KPMG äußert sich Heinz Lohmann, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, zur Zukunft der Krankenhäuser auf dem Gesundheitsmarkt.

Herr Lohmann, KPMG hat in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden das Strategische Prognosemodell für Krankenhausunternehmen entwickelt. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Auseinandersetzung mit der Zukunft und somit die Abbildung von Zukunftsprognosen für ein Krankenhaus?
Prognoseverfahren sind äußerst wichtig, um die Überlebensfähigkeit von Krankenhäusern zu gewährleisten. Die Integration von lang- und mittelfristigen Planungsrechnungen in die strategische Unternehmensführung ist auch für Krankenhäuser unerlässlich. Kliniken, die sich nicht mit Zukunftsfragen beschäftigen, werden mittelfristig vom Markt verschwinden.

Das Strategische Prognosemodell für Krankenhausunternehmen soll dazu beitragen, dass in wirtschaftliche Nöte geratene Krankenhäuser rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen. Worin sehen Sie den Grund für die zahlreichen defizitär wirtschaftenden Kliniken?
Früher waren unwirtschaftliche Krankenhäuser durch das Selbstkostendeckungsprinzip vor dem Wettbewerb weitgehend geschützt. Die Konsequenz bestand darin, dass es kaum Anreize gab, eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung gleichzeitig kostengünstig anzubieten. Es galt der Glaube, dass hohe Kosten gleichzeitig eine hohe Qualität der medizinischen Versorgung gewährleisten. Tatsächlich ist oftmals das Gegenteil der Fall. Ich sehe derzeit im deutschen Gesundheitssystem Einsparpotenziale von rund 35 Prozent.

Was können Krankenhäuser trotz zunehmender Belastungen in Form von deutlichen Tarif- und Sachkostensteigerungen tun, um weiter überlebensfähig zu bleiben?
Die Personal- und Sachkosten im Krankenhaus zukünftig werden weiter deutlich steigen. Dennoch hat ein Krankenhaus eine Vielzahl von Möglichkeiten, Kosten einzusparen. Im Personalbereich geht es darum, die Mitarbeiter entsprechend ihrer Qualifikation adäquat einzusetzen. Es macht keinen Sinn, wenn teure Pflegekräfte täglich mehrere Stunden mit der Verteilung des Essens beschäftigt sind und deshalb weniger Zeit für die eigentliche Pflege haben. Eine konsequente Prozess- und Arbeitsreorganisation wird die Basis des Erfolgs von Krankenhäusern sein.

Im Sachkostenbereich ist nicht nur ein kostengünstiger Einkauf, sondern auch die zielgerichtete sparsame Verwendung der medizinischen Waren wichtig. Es gibt Kliniken, in denen für die gleichen Behandlungen das Vielfache an medizinischem Bedarf verbraucht wird als in anderen Häusern. Einsparpotenzial ist aber auch bei den Energiekosten zu finden, die fälschlicherweise von vielen Klinikleitern als nicht optimierbar angesehen werden.

Worin sehen Sie die Herausforderungen für den deutschen Krankenhausmarkt?
Kliniken sollten sich auf die medizinische Versorgung der Patienten konzentrieren. Die deutschen Krankenhäuser können viel von der Industrie lernen: Ein Automobilhersteller bezieht einen Großteil des Endprodukts von Zuliefererunternehmen. Nur der eigentliche Kern des Wagens wird selbst konstruiert. Die Zuliefererquote im deutschen Krankenhaus kann deutlich erhöht werden. Eine Industrialisierung und damit Optimierung der medizinischen Kernprozesse ist der Schlüssel zum Erfolg. Mittel- und langfristig wird der Wettbewerb über die Qualität der Patientenversorgung und nicht über die der Sekundärdienstleistungen entschieden.

Wie viele Krankenhäuser wird es in zehn Jahren noch geben und wie wird die Aufteilung auf die Träger aussehen?
In 10 bis 15 Jahren wird es von den heutigen rund 2.100 Kliniken nur noch etwa 1.500 Häuser geben. Der Anteil der privaten Unternehmen  wird weiter steigen. Auch öffentliche Kliniken werden zunehmend Sekundärdienstleistungen an private Anbieter vergeben, so dass künftig eher von Medizinanbietern anstatt von Krankenhäusern zu sprechen sein wird.

 

Zur Person

Prof. Heinz Lohmann arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Gesundheitswirtschaft. Unter anderem ist er Geschäftsführender Gesellschafter der LOHMANN konzept GmbH sowie Gesellschafter der WISO HANSE management GmbH, Vorsitzender der Initiative Gesundheitswirtschaft e. V. sowie Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

 


 

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