Chancen in Chinas zweiter Reihe

Anlässlich der Olympischen Spiele blickt die Welt 2008 vor allem auf Chinas Hauptstadt Peking. Für Investoren und Unternehmen aus dem Ausland werden jedoch auch die chinesischen Millionenstädte im Hinterland immer interessanter. Steueranreize und steigende Lebensqualität sorgen hier für einen Boom bei Direktinvestitionen.

Kreditkrise, Dollarschwäche, Ölpreisrekord - während der Wachstumsmotor im Westen stottert, läuft er in China weiter auf Hochtouren. Auch 2008 wird das chinesische Wirtschaftswachstum zweistellig ausfallen, wenngleich es im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig ist.

Milliardeninvestitionen aus dem Ausland
Ungebremst ist auch der Ansturm internationaler Investoren. Im ersten Halbjahr 2008 stiegen die ausländischen Direktinvestitionen nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums um 45,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In Geld gesprochen: Von Januar bis Juni 2008 flossen über 52 Milliarden US-Dollar aus dem Ausland nach China.

Wichtige Gründe für diesen enormen Investitionsanstieg sind das robuste chinesische Wirtschaftswachstum und der starke Renminbi. China profitiert dabei von der aktuellen Schwäche der US-Wirtschaft und des US-Dollars.

"Die Second Tier-Cities sind äußerst attraktiv"
China-Spezialisten wie Thorsten Amann, Leiter Internationale Märkte bei KPMG, gehen davon aus, dass ein Großteil dieser Auslandsinvestitionen sogenanntes "hot money" ist, also spekulatives Geld, das nur kurzfristig im Land angelegt wird. Denn zurzeit sind die Zinssätze in China höher als in den USA; Investoren erwarten eine weitere Aufwertung des Renminbi gegenüber dem US-Dollar. Die Schätzungen schwanken beträchtlich: Aber wenigstens mehrere hundert Milliarden US-Dollar an "heißem Geld" sollen in China zirkulieren.

"Am grundsätzlich positiven Trend ändert das aber nichts", sagt Amann: "China ist nach wie vor äußerst attraktiv für ausländische Investoren mit langfristigen Interessen. Vor allem Second Tier-Städte, wie Changsha, Hangzhou oder Zhengzhou bieten dafür günstige Bedingungen."

Weniger Steuern, mehr Lebensqualität
Die Second Tier-Städte - das sind rund zwei Dutzend chinesische Millionenmetropolen der "zweiten Reihe", also hinter Peking, Schanghai oder Guangzhou (Kanton), den etablierten Handels- und Finanzzentren auf dem chinesischen Festland.

Was zeichnet die Second Tier-Cities aus? Vor allem ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, steigende Einkommen und hohe Direktinvestitionen. 

Dazu tragen Steuererleichterungen und die Einrichtung spezieller Entwicklungszonen bei. Wie die 79 Quadratkilometer große Hefei Economic & Technological Development Area (HETDA) in der zentralchinesischen Provinz Anhui: Das Areal umfasst verschiedene spezialisierte Industrieparks, Business-Center, eine Universitätsstadt sowie Wohnsiedlungen für die wachsende internationale Gemeinde in Hefei.

Viel Geld fließt von staatlicher Seite auch in den Ausbau von Flughäfen, Autobahnen und Schienennetzen, um die Anbindung der Second Tier-Cities zu verbessern.

So dient die Millionenstadt Changsha in der Provinz Hunan als Drehkreuz des südlichen Chinas: Nur zwei Flugstunden sind es von hier nach Schanghai, Hongkong und Guangzhou. Nur jeweils eine Autostunde entfernt liegen sieben weitere wachstumsstarke Städte. Über 40 Millionen Menschen leben im Großraum Changsha; dessen Bruttoinlandsprodukt beträgt knapp 100 Milliarden US-Dollar.

Ein Kennzeichen der Second Tier-Cities ist auch, dass sich die Lebensqualität spürbar verbessert - die Städte werden attraktiver, sowohl für Einheimische als auch für Expats und ihre Familien. Aber nicht alle Second Tier-Cities können in diesem Punkt schon mit Metropolen wie Peking oder Schanghai mithalten: Bisweilen fehlt es noch an internationalen Schulen und Krankenhäusern sowie Einkaufs-, Freizeit- und Gastronomieangeboten. Auch Englisch wird nicht überall gleich gut gesprochen.

Rasanter Wandel
Die Second Tier-Städte verändern sich schnell. In der Region Hefei zum Beispiel sind in den vergangenen Jahren über 40 gehobene Wohngebiete mit Parkanlagen und künstlichen Seen entstanden. Seit Anfang 2008 bedient ein Schnellzug die Strecke Hefei-Schanghai - die Reisezeit reduzierte sich von sieben auf 2,5 Stunden.

Der Boom in den Städten der "zweiten Reihe" könnte sich mittelfristig auch in den weniger entwickelten Third Tier-Cities fortsetzen. In China gibt es offiziell 666 Städte, über 40 davon haben mehr als eine Million Einwohner. Auch in den kleineren Großstädten wächst langsam die Kaufkraft, neue Märkte entstehen.

"Vor jedem Engagement und jeder Investition ist aber gesunde Vorsicht angeraten", sagt Thorsten Amann. "Die Chancen sind hervorragend - aber je weiter sich die Unternehmen ins Hinterland wagen, desto besser vorbereitet müssen sie auch sein."

Mehr Informationen zur Entwicklung und Attraktivität verschiedener regionaler Investitionsstandorte in China finden Sie in der aktuellen KPMG-Studienreihe.

 

Ansprechpartner

Foto von Thorsten Amann

Thorsten Amann

Partner, Leiter High Growth Markets Practice

KPMG
Klingelhöferstr. 18
10785 Berlin

T +49 30 2068-1144 | tamann@kpmg.com

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