"Innovative Technologien gesucht"

Korea ist ein interessanter Markt für die Hightech-Industrie, sagt Dr. Bernd Reckmann, Mitglied der Geschäftsleitung des weltweit agierenden Pharma- und Chemieunternehmens Merck. In seinem Gastbeitrag für KPMG's High Growth Markets Magazin (Winterausgabe 2008) schildert er aus der Unternehmerperspektive Mercks Engagement in Korea und beschreibt, was ausländische Investoren in dem asiatischen Land erwartet.

Was sind die vier wichtigsten Argumente für eine Investition in Korea? Erstens erreicht die Wirtschaft des Landes seit Jahren deutlich überdurchschnittliche Wachstumsraten. Relativ unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat sich dieses Land in einer phänomenalen Geschwindigkeit entwickelt: von einem der ärmsten Länder der Welt in den sechziger Jahren zu einer der führenden 15 Industrienationen heute - derzeit auf Platz 11.

Zweitens steht Bildung für die Menschen ganz oben auf der Prioritätenliste. Die Koreaner sind auch bereit, dafür selbst Geld in die Hand zu nehmen - sowohl für die Schulbildung der Kinder als auch für die Weiterbildung als Erwachsene. Darüber hinaus ist die Leistungsbereitschaft der Menschen sehr hoch. Dies gehört - ähnlich wie in einigen anderen asiatischen Ländern - zur Kultur und Mentalität.

Und schließlich sind Infrastruktur und Logistik des Landes exzellent. Zum Beispiel gehört der Flughafen Incheon zu den drei weltweit führenden nach Cargo-Volumen und zu den zehn größten nach Passagieraufkommen. Der Hafen Busan sichert die Verbindung zu anderen asiatischen Märkten, Japan und den USA.

Bereits heute ist Korea in einigen Technologien auf dem Weltmarkt führend. Dazu gehören beispielsweise Halbleiter, Displays, Autos und Schiffe. In Zukunft werden die Biotechnologie und die Nanotechnologie an Bedeutung gewinnen.

Unsere Präsenz, als Pharma-und Chemieunternehmen Merck in Korea, ist noch vergleichsweise jung. 1989 wurde die erste Gesellschaft gegründet. Zum Vergleich: In Japan war Merck schon 1927 präsent, in China bereits 1933.

In Korea entstand zunächst ein Anwendungslabor für Flüssigkristalle - die Chemie, die in jedem flachen Display steckt und für die Merck Weltmarktführer ist.

Ein entscheidender Faktor für diesen Erfolg ist die Nähe von Merck zu seinen Kunden, in diesem Fall zu den führenden Displayherstellern Koreas, wie Samsung und LG Display, um nur die beiden größten zu nennen.

Auch eine Produktion für Flüssigkristallmischungen baute Merck auf, um die individuellen Kundenbedürfnisse schnell und qualitativ hochwertig befriedigen zu können. Die meistens in Darmstadt gefertigten Einzelsubstanzen können so in direktem Kontakt mit den Kunden zu individuellen Mischungen verarbeitet werden.

Auch wenn das Flüssigkristallgeschäft einer der Hauptpfeiler von Mercks Koreageschäft war und ist, kamen sukzessive andere Geschäftsfelder hinzu. Ab 2001 baute Merck auch eine Organisation zum Vertrieb seiner rezeptpflichtigen Arzneimittel auf.

Wir, als Merck, sind überzeugt von unserem Engagement in Korea und investieren derzeit in ein neues Forschungszentrum für Flüssigkristalle. Unser Unternehmen profitiert dabei nicht nur von der Kundennähe, sondern auch von einer klaren Ausrichtung auf Hochtechnologie. Dazu kommen eine gute Infrastruktur in Poseung in der Nähe von Seoul und hochqualifizierte Mitarbeiter.

Beispiellos ist die Affinität der Koreaner zu modernen Technologien: Der Anteil der Internetnutzer an der Bevölkerung ist zusammen mit den USA der höchste weltweit und liegt bei über 60 Prozent. Bei Breitbandanschlüssen liegt Korea sogar weltweit an der Spitze. Gleiches gilt beim Anteil der Mobiltelefon-Nutzer. Knapp 80 Prozent der Bevölkerung verfügen über ein Handy - oft sind die allerneuesten Modelle im Einsatz.

Für innovative Produkte ist Korea insofern ein idealer Testmarkt, da die Kunden sehr anspruchsvoll sind, jedoch nicht technologiekritisch, wie oft in westlichen Industrienationen. Gerade aufgrund dieser Affinität für neue Technologien ist es für Merck und andere Hightech-Unternehmen interessant, in diesem Land zu investieren.

Dazu kommt, dass die Regierung innovative Technologien fördert. Den Anteil der Forschungs-und Entwicklungsaufwendungen am BIP liegt mit gut drei Prozent sogar knapp einen Prozentpunkt höher als der Durchschnitt der OECD-Nationen.

Neben der aktuell politisch unsicheren Lage gibt es für Investitionen in Korea weitere Herausforderungen - einige seien hier beispielhaft genannt. Für westliche Unternehmen ist es oft schwierig, qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren, denn Koreaner arbeiten traditionell lieber bei einem koreanischen Unternehmen.

Durch überdurchschnittlich steigende Löhne sind die Personalkosten im Vergleich mit anderen asiatischen Ländern hoch und stärker gestiegen als die Produktivität. Starke auf Unternehmensebene organisierte Gewerkschaften und ein hoher Grad staatlicher Regulierung erschweren oft das unternehmerische Engagement.

Ein Kulturschock kann für Ausländer durch die Mentalität ausgelöst werden, die von einer starken Tradition des Konfuzia¬nismus geprägt ist. Auch die in westlichen Unternehmen immer wichtiger werdende Corporate Governance hat hier einen ande¬ren Stellenwert. Fehlverhalten in diesem Bereich werden nicht so kritisch gesehen.

Eine Investition in Korea ist für Unternehmen interessant, die zum einen innovative Technologien entwickeln und zum anderen nah an ihren Kunden der verschiedenen Branchen arbeiten wollen, in denen die dortige Wirtschaft führend ist.

Der politische Neuaufbruch hatte wichtige Ziele, die Investoren anlocken sollten: Entbürokratisierung, konstantere Gesetzgebung, Beseitigung von Handelshemmnissen und investitionsfreundlichere Positionierung der Gewerkschaften. Die aktuelle politische Situation macht es erforderlich, dass Investoren genau beobachten, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln.

 

Der Autor

Dr. Bernd Reckmann ist seit 2007 ordentliches Mitglied der Geschäftsleitung der Merck KGaA, einer weltweit tätigen Unternehmensgruppe im Arzneimittel-und Chemiesektor sowie haftender Gesellschafter des Unternehmens. Nach Studium und Promotion begann der heute 53-Jährige ab 1986 in der Diagnostika-Forschung von Merck. 1998 wurde er zum Leiter der Sparte Life Science Products ernannt. 2004 wurde er Leiter für strategische Innovationen bei Merck und übernahm 2005 die Leitung der Geschäfte des Konzerns in Korea. Reckmann ist zudem Vorsitzender des Deutsch-Koreanischen Wirtschaftskreises.

Zum Herunterladen
Korea-Newsletter

Registrieren Sie sich für den Newsletterdienst mit aktuellen Nachrichten zum Wachstumsmarkt Korea.

Aktuelle Meldungen der High Growth Markets als RSS-Feed abrufen.

Diese Seite bookmarken bei: