Handel in der Wirtschaftskrise: "Krise beschleunigt Konzentration im Einzelhandel"
Die schlechten Nachrichten aus dem Einzelhandel mehren sich. Warenhäuser mit großer Tradition kämpfen ums Überleben; der Hauptverband des Einzelhandels (HDE) warnt vor einer Insolvenzwelle mittelständischer Unternehmen. Im Interview erläutert KPMG-Handelsspezialist Johannes Siemes die Trends, Probleme und Erfolgsfaktoren der Handelsbranche.
Ist die Wirtschaftskrise im Handel angekommen?
Wichtig ist, die vergleichsweise niedrige Ausgangsbasis des Einzelhandels in Deutschland zu sehen. Zwischen 2000 und 2008 hat der deutsche Einzelhandel insgesamt ein nominales Wachstum von lediglich 4,7 Prozent erreicht. Die beiden größten Teilbranchen, Lebensmittel und Textil, machen fast die Hälfte des deutschen Einzelhandels aus. Die Deutschen sind aber im europäischen Vergleich sparsam bei den Lebensmittelausgaben; der Umsatz im Textilhandel hat nach Jahren des Rückgangs erst 2007 wieder eine schwarze Null ausgewiesen. Das Potenzial für einen Abschwung ist daher relativ gering. Zu erwarten ist insgesamt ein Minus von etwa einem Prozent.
Der HDE spricht von einem „Massensterben" im Einzelhandel.
Krisen sind Trendbeschleuniger. Das trifft vor allem auf den Konzentrationsprozess zu. Der steigende Marktanteil der großen führenden Handelsgruppen geht mit einem starken Rückgang des selbstständigen Einzelhandels einher. Im Lebensmitteleinzelhandel gibt es heute rund 25.000 kleinere Geschäfte mit einer Verkaufsfläche unter 400 Quadratmetern - vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele. Im Textileinzelhandel zeigt sich das gleiche Bild. Dieser Trend setzt sich jetzt fort, nur noch schneller. Angesichts des starken Flächenzuwachses bei den anderen Anbietern fällt dem Konsumenten das Verschwinden der kleineren Länden oft kaum auf.
Welche Rolle spielt hierbei das Internet-Geschäft?
Der Online-Handel wird weiter reüssieren und dem Einzelhandel Marktanteile wegnehmen. Auch das ein Trend, der sich in Krisenzeiten verstärkt, wie die Fachleute des von KPMG getragenen Consumer Retail Think Tank kürzlich festgestellt haben. Die Verbraucher setzen nun noch mehr auf die Informations- und Vergleichsmöglichkeiten im Internet. Dadurch zieht auch der Preiswettbewerb im Einzelhandel weiter an.
Der private Konsum gilt als relativ krisenfest. Aber was passiert, wenn die Rezession andauert?
Wenn die Arbeitslosigkeit deutlich ansteigt - auf über fünf Millionen Arbeitslose - wird auch der private Konsum und damit der Einzelhandel stärker betroffen sein. Man darf aber nicht vergessen, dass der Deutsche durchschnittlich nur etwa 28 Prozent seines Einkommens im stationären Einzelhandel lässt. Dafür ist er Weltmeister im Reisen und bei den Ausgaben fürs Auto. Einsparpotenzial ist daher beim Konsum vor allem auch außerhalb des Einzelhandels vorhanden. Besonders betroffen sind jedoch langlebige Konsumgüter wie Möbel. Aktuell wird durch die Abwrackprämie der Fokus auf das Auto gelenkt. Mittelfristig dürften viele Haushalte bei einem Anstieg der Arbeitslosigkeit entsprechende Anschaffungen verschieben.
Wie sollten Unternehmen jetzt aufgestellt sein?
Die großen deutschen Handelsunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren stark über Lieferantenkredite finanziert. Einige werden nun Probleme bekommen, weil die Hersteller einfach nicht mehr in der Lage sind, solche Zahlungsziele zu gewähren. Generell gut aufgestellt sind Unternehmen mit einem klaren Geschäftsmodell. Nehmen Sie den Textilhandel. Erfolgreich waren im schrumpfenden Markt vor allem vertikal ausgerichtete Unternehmen, die von ihrer effizienten Supply Chain profitieren.
Vertikalisierung wird auch in anderen Bereichen immer häufiger thematisiert: Der Lebensmitteleinzelhandel poliert seine Eigenmarkenportfolios auf, der Anteil an Eigenmarken am Gesamtsortiment wird immer größer. Auch überlegen einige Händler, Unternehmen einzelner Sparten wie Getränke oder Tiefkühlkost ganz zu übernehmen. Für Hersteller wiederum ist Innovationsfähigkeit jetzt wichtiger denn je.
Wie kann KPMG die Unternehmen in dieser Umbruchsphase unterstützen?
Performance, Kostensenkung, Controlling, Immobilien - das sind derzeit besonders wichtige Themen für den Handel, bei denen unsere erfahrenen Branchenspezialisten helfen können. Angesichts des Konzentrationsprozesses in der Branche rücken auch Restrukturierungsthemen in den Vordergrund. Auch hierbei können unsere Mandanten auf die kompetente Beratung unserer interdisziplinären Teams zählen. Wir helfen unseren Mandanten, die Trends im Handel zu nutzen und sich so erfolgreich für die Zukunft aufzustellen.
Konsumgüterhersteller quo vadis? Wachstum durch echte Innovation
Die Markt- und Konjunkturaussichten für mittelständische Produktionsunternehmen haben mit der Wirtschaftskrise einen Tiefpunkt erreicht. Es ist bereits jetzt zu erkennen, dass der Druck für den Einzelhandel weiter zunehmen wird. Die Studie untersucht die methodischen Ansätze für innovationsbasiertes Wachstum und den lohnenswerten Weg dorthin.
Datum: 01.04.2009 | Größe: 2103,62kB
Ansprechpartner
Mark Sievers
Partner, Consumer Goods & Retail
KPMG
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