Abschreibungen in Unternehmensbilanzen: Interview mit KPMG-Partner Christian Klingbeil
Viele Entscheider haben aus der Krise vor allem eines gelernt: die Erwartungen an Transaktionen kritisch zu hinterfragen und damit verbundene wirtschaftliche Risiken einzugrenzen. KPMG-Partner Christian Klingbeil erklärt, mit welchen Fragen sich das Management bei Transaktionen im Hinblick auf planmäßige und außerplanmäßige Abschreibungseffekte und langfristige Ergebnisauswirkungen auseinandersetzen muss.
Was können Unternehmen tun, die bereits Übernahmen zu Höchstpreisen gestemmt haben?
Was gekauft wurde, steht in den Büchern des Unternehmens. Daran lässt sich zunächst nicht rütteln. Nun ist es notwendig, methodengerecht den Impairment-Test durchzuführen. Viele Unternehmen betrachten die Werthaltigkeitsprüfung des erworbenen Geschäftswertes aber als rein rechnerische Übung, die zum Jahresende durchzuführen ist. So wird daraus eine Art innerjährliche „Blackbox", die oft große Abschreibungsrisiken birgt. Wir können helfen, dieses Risiko zu managen, indem wir Werthaltigkeitsrisiken kontinuierlich monitoren und wirtschaftliche Veränderungen in der Planung spiegeln.
Wie lässt sich das Risiko reduzieren?
Wir empfehlen den Unternehmen, ein entsprechendes Controlling aufzusetzen, welches in die standardisierten Planungsprozesse im Unternehmen implementiert wird. Nur so lässt sich frühzeitig erkennen, ob es Werthaltigkeitsrisiken beim Geschäftswert gibt. Ein systematisches Controlling ermöglicht es den Unternehmen, das Risiko außerplanmäßiger Abschreibungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu initiieren.
Welche langfristigen Auswirkungen haben immaterielle Vermögenswerte und Goodwill auf die Bilanz?
Der Fair Value eines immateriellen Vermögenswertes wird grundsätzlich auf der Basis des kapitalwertorientierten Verfahrens, also mittels prognostizierter Zahlungsüberschüsse über die ökonomische Restlaufzeit ermittelt. Die ökonomischen Restlaufzeiten und damit verbundene Ertragsprognosen können sich dabei durchaus über einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren erstrecken. Ein Beispiel hierfür sind Produktmarken. Demnach werden auch die hierauf entfallenden planmäßigen Abschreibungen die Ergebnisse des Käuferunternehmens über diesen Zeitraum belasten. Hinzu kommt das Risiko außerplanmäßiger Abschreibungen, wenn die Ertragsprognosen verfehlt werden. Vor diesem Hintergrund ist es von großer Bedeutung, die der Bewertung zugrunde liegenden Schätzparameter sehr sorgfältig und unter Berücksichtigung von branchenspezifischen Besonderheiten abzuleiten. So lassen sich sachgerechte Bewertungsergebnisse erzielen und das Risiko bezüglich. Über- beziehungsweise Unterbewertungen reduzieren.
Der erworbene Goodwill reflektiert das zukünftige Ertragspotential des erworbenen Unternehmens. Hierin spiegeln sich auch Synergie- sowie ambitionierte Wachstumserwartungen wider, die in der Zukunft zu erwirtschaften sind. Da der Goodwill keiner planmäßigen Abschreibung unterliegt, sind die erhofften Zahlungsströme aus Synergien und Wachstumsprognosen jedes Jahr aufs Neue im Rahmen des Impairment-Tests zu prüfen.
Wie lassen sich zukünftige außerplanmäßige Abschreibungsrisiken auf den Goodwill vor einer Transaktion schon einschätzen?
Es empfiehlt sich, den Goodwill in seine einzelnen Komponenten zu zerlegen und die für die Analyse der Werthaltigkeitsrisiken erforderlichen zukünftigen Zahlungsüberschüsse indikativ abzuschätzen.
So besteht eine Komponente des Goodwills aus der reinen Fortführung des erworbenen Unternehmens. Die Höhe des Goodwills ergibt sich rechnerisch als Unterschiedsbetrag zwischen dem Unternehmenswert und dem Buchwert des Eigenkapitals.
Ferner gibt es weitere Komponenten, die „Synergieerwartungen" sowie Bietprämien erfassen. Insbesondere die Synergieerwartungen können in Form einer Barwertbetrachtung ermittelt werden und dem korrespondierenden Betrag des Goodwills gegenübergestellt werden.
Bei den verbleibenden Unterschiedsbeträgen (bspw. Bietprämien) zu dem aus der Transaktion insgesamt erwarteten Goodwill ist zu prüfen. ob sie durch die Ertragskraft der zugehörigen Zahlungsmittel generierenden Einheit kompensiert werden können.
Welche immateriellen Werttreiber bergen erhöhte Abschreibungsrisiken?
Bei der Bewertung von immateriellen Werttreibern werden mit Hilfe des kapitalwertorientierten Verfahrens zukünftige Zahlungsmittelüberschüsse auf der Basis der Unternehmensplanung ermittelt. Planungen unterliegen Unsicherheiten. Insofern unterliegt auch die Bewertung immaterieller Vermögenswerte einer gewissen Unsicherheit.
Es ist daher wichtig, die wesentlichen Bewertungsparameter sehr sorgfältig und auf Basis branchenspezifischer Kenntnisse abzuleiten und so eventuelle zukünftige Abweichungen zu der der Bewertung zugrunde gelegten Planung so gering wie möglich zu halten.
Die Festlegung von Bewertungsparametern ist unterschiedlich komplex. F&E Projekte gehören sicherlich zu den Vermögenswerten, deren Parameter besonders schwierig zu bewerten und einzuschätzen sind. Hier sind neben der eigentlichen Bestimmung der zukünftigen Zahlungsströme auch Einschätzungen bzgl. ihrer Realisierbarkeit und dem Zeitpunkt der Fertigstellung erforderlich.
Welchen Vorteil hat es, die im Rahmen des Unternehmenszusammenschlusses identifizierbaren immateriellen Vermögenswerte im Korridor der Vergleichsunternehmen meiner Branche zu betrachten?
Da die Ermittlung der Schätzparameter für die Bewertungsdurchführung sehr komplex ist, geben Vergleichstransaktionen und die Identifikations- und relativen Bewertungsergebnisse für immaterielle Vermögenswerte eine wichtige Orientierungsgröße. Sie liefern wertvolle Erkenntnisse für die sachgerechte Bilanzierung von Unternehmenszusammenschlüssen in den entsprechenden Branchen.
Ansprechpartner
Christian Klingbeil
Partner KPMGGanghoferstraße 29
80339 München
T +49 89 9282-1284 | cklingbeil@kpmg.com
Immaterielle Vermögenswerte und Goodwill in Unternehmenszusammenschlüssen
Abschreibungsrisiken in Unternehmensbilanzen - KPMG Studie analysiert Goodwill und immaterielle Vermögenswerte in 14 Branchen. Planmäßige Abschreibungseffekte auf immaterielle Vermögenswerte und außerplanmäßige Abschreibungsrisiken auf den Goodwill rücken in Zeiten der Krise in den Fokus. Viele Konzerne weisen als bilanzielle Konsequenz teurer Zukäufe in den Jahren des Wirtschaftswachstums hohe immaterielle Vermögenswerte und Goodwill in ihren Bilanzen aus.
Datum: 01.10.2009
Die KPMG-Studie analysiert Goodwill und immaterielle Vermögenswerte in 14 Branchen.
