China - der weltweit größte Automarkt 2009

Im weltweit trüben Autogeschehen bietet China in diesem Jahr bislang den einzigen Lichtblick

Marktüberblick
China hat die USA als größten Automobilmarkt, gemessen an der Anzahl der verkauften Fahrzeuge, seit Beginn des Jahres überholt. Im ersten Halbjahr wurden, bei einer Steigerung um 17,7 % gegenüber dem Vorjahr, 6,1 Millionen Fahrzeuge verkauft. Dagegen ging der Fahrzeugverkauf in den USA auf 4,8 Millionen Stück um 35 % zurück und auch in Westeuropa fiel der Neuwagenverkauf um 13 % in diesem Zeitraum. Aufgrund der auch in den Sommermonaten Juli und August gezeigten Stärke (per Ende August 2009 wurden 6,2 Mio. Leichtkraftwagen und 2,1 Mio. Lastkraftwagen und Busse auf dem chinesischen Markt abgesetzt) wird auf das Jahr gesehen ein Gesamtvolumen von 12 Millionen verkauften Fahrzeugen erwartet.

Auch wenn der chinesische Automarkt die Weltrangliste hinsichtlich der Anzahl der verkauften Neufahrzeuge anführt, liegt das Land wertmäßig aufgrund der geringeren Verkaufspreise infolge günstiger Produktionskosten und insgesamt kleinerer, weniger hochwertiger Fahrzeuge noch hinter den großen Automobilmärkten zurück. Die in beeindruckender Weise wachsende Automobilindustrie in China wird von 150 Markenherstellern hart umkämpft. Nationale Hersteller, die überwiegend das untere Preissegment besetzen, haben ihren Anteil am gesamten Pkw- Markt bereits auf über 25 Prozent ausbauen können (ohne die 50:50-Joint venture mit den ausländischen Herstellern mitzurechnen) und spielen somit eine immer bedeutendere Rolle.

Bislang verfügen nur etwa 6 % der Bevölkerung über ein Automobil, im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, wo die Marktsättigung bei 80 % liegt. Aufgrund der vorliegenden Fundamentaldaten und dank der staatlichen Förderung wird Chinas Automarkt auch in Zukunft einer der am stärksten wachsenden Märkte sein. Analysten rechnen für die nächsten Jahre mit einer Absatzsteigerung von durchschnittlich 13 Prozent in den Metropolen und von 17 Prozent und 25 Prozent in den Großstädten zweiter und dritter Ordnung. Mit geschätzten 270 Millionen, vielleicht sogar 410 Millionen Fahrzeugen im Jahr 2035 wird China den USA nachhaltig den Rang als weltgrößten Automarkt ablaufen.

Aktuelle Trends und staatliche Förderung
Der gegenwärtige chinesische Autoboom wird in großem Umfang von den staatlichen Wirtschaftsprogammen getragen. Das im Januar 2009 aufgelegte erste Programm zur Unterstützung der Kernindustrien Chinas zielte auf die Verkaufsförderung ab. Die Maßnahmen reichen von der Reduzierung der Verbrauchssteuer für Autos mit Motoren unter 1,6 Liter (diese machen 75 % der Fahrzeuge aus) bis hin zu Verschrottungsprämien für ländliche Gegenden in Höhe von insgesamt 5 Milliarden RMB. Die leistungsstärkeren Fahrzeuge und die meisten der von ausländischen Unternehmen importierten Fahrzeuge kommen aufgrund des gesetzten Schwellenwertes nicht in den Genuss dieser Verkaufsförderung.

Das zweite im März 2009 aufgelegte Paket strebt die Restrukturierung der Industrie an. Es hat unter anderem das Ziel, über Verschmelzungen größere Konzerne zu bilden, deren lokaler Marktanteil in den nächsten 3 Jahren auf 40 % wachsen soll. Zudem ist geplant, auch die Anzahl der umweltschonenden Fahrzeuge durch Forschungsunterstützung erheblich zu erhöhen.

Chancen und Herausforderungen deutscher Unternehmen
Der chinesische Markt mit seiner zahlungskräftigen Käuferschicht bietet insbesondere für Luxuswagenhersteller größte Chancen. Mit Zuversicht blicken deutsche Unternehmen auf die weitere Entwicklung dieses Segments. In den ersten sieben Monaten des Jahres haben alle großen deutschen Luxusmarken zweistellige Zuwächse erzielen können, im Vergleich zu rückläufigen weltweiten Verkaufszahlen. Während auf entwickelten Märkten der Anteil an Luxuswagen etwa bei 15 % liegt, beträgt dieser Anteil in China zurzeit lediglich 5 %. Analysten erwarten einen Anstieg des jährlichen Absatzes dieses Segments von 250.000 Fahrzeugen in 2008 auf 600.000 Fahrzeuge in 2015, gestützt von der Vorliebe inländischer Konsumenten nach großen und demonstrativen Modellen mit gehobener Sonderausstattung.

Während das anhaltende Wachstum des chinesischen Automobilmarkts gesichert scheint, sehen sich die großen Hersteller und Lieferanten, die unmittelbar in ihrem Segment mit den chinesischen Wettbewerbern konkurrieren, Herausforderungen aus Überkapazitäten und dem anhaltenden Preisdruck durch die lokalen Marken und Anbieter gegenüber.

Dank seiner erfolgreichen Modell- und Kostenstrategie ist China für den Volkswagenkonzern bereits in diesem Jahr zum weltweit größten Einzelmarkt aufgestiegen. Die Volkswagen AG hat angekündigt, in den nächsten drei Jahren Investitionen in Höhe von 4 Milliarden Euro in neue Modelle, Technologien und die Ausweitung des Händlernetzes in China zu tätigen, um ihre Marktführerschaft weiter zu kräftigen.

Als einer der größten Automobilzulieferbetriebe, auch in China, erwartet die Bosch Gruppe, dass sich das globale Einkaufsvolumen mehr und mehr von Europa nach Asien verschiebt, insbesondere zugunsten Chinas. Von dort soll bis 2015 ein Viertel der Produktion kommen. Im Vergleich zu Deutschland verfügt China (trotz kräftigen Anstieg des Lohnniveaus in den Ballungszentren) noch über einen gewaltigen Kostenvorteil im Bereich der Produktion. In Zeiten eines schwachen Renminbi verbilligt sich der Bezug weiter. Bereits im Jahr 2007 hat die Volkswagengruppe allein Teile und Komponenten im Wert von rund 1 Millarde EUR exportiert.

Allerdings gibt es für ausländische Firmen auch einige Hindernisse im Wettbewerb mit den chinesichen Firmen. Nach dem lokalen Recht dürfen ausländische Unternehmen unverändert nicht mehr als 50 % der Anteile an einem produzierenden Joint Venture halten (die Zulieferindustrie ist hierbei ausgenommen) und maximal zwei Joint Ventures im privaten Pkw-Markt bzw. Lastkraftwagenmarkt eingehen. Chinesische Unternehmen geben verhältnismäßig wenig für Forschung und Entwicklung aus. Sensibilisiert durch etliche Fälle von Know-how-Verstößen in China, sind daher internationale Firmen meist vorsichtig mit der Weitergabe von Forschungs- und Entwicklungskenntnissen und dem Aufbau von Forschungszentren. Illegale Kopien und Imitate verhindern ein größeres Wachstum auch im After-Sales-Markt.

Andere Erschwernisse für ausländische Unternehmen sind, wie in dem kürzlich veröffentlichten jährlichen Bericht der EU-Kammer dargestellt, die erneute Zertifizierung von bereits nach internationalen Standards geprüften importierten Fahrzeugen, die schlechte Dieselqualität und unangemessene Emissionsstandards für Personenkraftwagen und Lastwagen. Importwagen werden durch Zölle und hohe Verbrauchssteuern für leistungsstarke Motoren verteuert. Außerdem werden durch die chinesischen, zentral orientierten Verwaltungen gesetzliche Regelungen und Verordnungen oft ohne vorherige Ankündigungen in Kraft gesetzt. Dies betrifft allerdings alle Marktteilnehmer.

Positionierung chinesischer Unternehmen
Für chinesische Unternehmen bleibt die größte Herausforderung, neben der Konsolidierung der Industrie, wie der Produktionsstandard erhöht und neue Märkte erobert werden können. Damit sollen die geringen Margen aus den niedrigpreisigen Produkten gesteigert und die Aneignung und die Entwicklung neuer Fähigkeiten und Kapazitäten forciert werden.

Neben dem organischen Wachstum der lokalen Marken suchen chinesische Firmen zudem verstärkt nach Investitionsobjekten im Ausland. Dieser zunehmende Expansionswille begründet sich in dem Bemühen der Autohersteller, im Wettbewerb der größten Hersteller im chinesischen Markt zu überleben. Im Rahmen der durch die Regierung angekündigten Konsolidierung soll die Anzahl der großen chinesischen Autoproduzenten von 14 auf 10 vermindert werden. Die Fähigkeit der Anpassung an einen neuen Markt haben chinesische Unternehmen allerdings bislang noch nicht unter Beweis stellen können.

Geprägt durch gestiegenes Umweltbewusstsein, könnte die wesentlichste Entwicklung der nächsten zehn Jahre auf dem Automobilmarkt in China die Abkehr von der auf Öl angewiesenen Antriebstechnik für die 10 Millionen Fahrzeuge sein, die jedes Jahr neu auf den Straßen des Landes rollen. Lokale Firmen spielen aufgrund frühzeitiger Ansätze in der Elektrotechnik eine führende Rolle in der Entwicklung zu alternativen Antrieben. So beispielsweise die Gesellschaft BYD (ursprünglich Hersteller von Handybatterien, zu Teilen gehalten von Warren Buffets Berkshire Hathaway), die elektrische Fahrzeuge seit mehreren Jahren produziert und nun in Verhandlungen mit amerikanischen und europäischen Herstellern von Antriebssystemen ist.

Seit Januar 2009 fördert die chinesische Regierung in dreizehn Pilotstädten den Kauf von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben mit 4.000 RMB bis 420.000 RMB je Fahrzeugtyp sowie bei Elektrofahrzeugen bzw. Fahrzeugen ohne Schadstoffausstoß mit 60.000 RMB bis 600.000 RMB. Diese Gelder werden hauptsächlich dem öffentlichen Nahverkehr und staatlichen Einrichtungen zufließen.

Universitäten arbeiten unterdessen mit den heimischen Unternehmen an neuen Lösungen. Weitere Programme und staatliche Investitionen in die notwendige Infrastruktur werden in Zukunft erwartet. Die voraussichtlich massiven Neuzulassungen in den nächsten Jahren und damit der Verbrauch von Öl (2/3 des Bedarfs muss China importieren) werden sich ansonsten verheerend auf die Umweltbelastungen in China auswirken.

Die Akzeptanz des Verbrauchers für alternative Fahrzeuge in China dürfte aufgrund der überwiegend kürzeren Fahrstrecken bei langsamerer Geschwindigkeit, dem noch hohen Anteil an Erstkäufern und durch Preisvergünstigungen mit Sicherheit schneller zu realisieren sein, als in den westlichen Ländern.

Die Umstellung auf alternative Energien könnte es chinesischen Automobilunternehmen ermöglichen ihre langfristigen Perspektiven nachhaltig zu verbessern und dabei Technologien zu überspringen, bei denen die lokalen Hersteller heutzutage noch hinterherhinken. Bei der rasanten Entwicklung der Elektrotechnik und der umfangreichen staatlichen Förderung, unter anderem bei der Umsetzung der notwendigen Infrastruktur, müssen international etablierte Unternehmen aufpassen, ihre weltweit dominierende Stellung nicht zu verlieren.

Gastbeitrag von Andreas Feege, Partner Industrial Markets, Head of German Desk, KPMG in China

Zuerst veröffentlicht in: AutomotiveNow - Ausgabe Herbst 2009

 

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