Afrika schöpft neue Kraft

Ein Blick auf die wirtschaftlichen Perspektiven eines vielfältigen Kontinents

Als das Projekt „Desertec" vorgestellt wurde, war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit groß: Europäische Unternehmen, die große Solarkraftwerke in der nordafrikanischen Wüste errichten wollen, um Europa mit Strom zu versorgen - das war eine Geschichte, wie die Medien sie lieben.

Unabhängig davon, ob dieses Projekt tatsächlich in die Tat umgesetzt wird, warf Desertec ein Schlaglicht auf das große Potenzial, das Afrika in puncto erneuerbarer Energie und insbesondere bei der Nutzung der Sonnenenergie bietet. Denn die lokale Anwendung der Solartechnik birgt große Geschäftschancen und könnte zur Überwindung der verbreiteten Stromknappheit auf dem Kontinent beitragen.

Auch im Automobilbereich kann Afrika durch die Nutzung emissionsfreier Antriebstechnik dazu beitragen, den Klimawandel, unter dem der Kontinent besonders leidet, zu mildern. Und ein weiteres Beispiel für moderne Sonnentechnologie bietet die Firma SolarWorld: Sie will im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika 100 solargespeiste Großbildschirme (Sun-TV) für Public Viewing aufstellen.

Sonnige Aussichten also endlich auch für Afrika? Zumindest erlebte der Kontinent in den vergangenen Jahren einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlich 5,9 Prozent im Zeitraum 2001 bis 2008. Folgt Afrika nun den südostasiatischen Tigerstaaten, die in ihrer Boomphase (1988- 1996) mit jährlichen Wachstumsraten von mehr als 7 Prozent einen beeindruckenden Entwicklungssprung vollzogen?

Wohl kaum, denn der jüngste Aufschwung Afrikas wurde in erster Linie von der Ausbeutung der Rohstoffe getrieben. Und nun bekommt der Kontinent die globale Wirtschafts- und Finanzkrise über die sinkenden Rohstoffpreise und den rückläufigen Handel zu spüren. Das Wachstum wird sich nach Schätzung des IWF 2009 auf 1,8 Prozent abschwächen, bevor es 2010 wieder in den Bereich von 4 Prozent zurückkehrt.

Allerdings sind in vielen Regionen Entwicklungsprozesse erkennbar, die zuversichtlich stimmen. Insbesondere jene Länder, die sich darum bemühen, ihre Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft in die Modernisierung und Diversifizierung der Wirtschaft zu stecken, offenbaren ein nicht zu unterschätzendes Potenzial.

Sie sind vor allem in Nordafrika (Marokko, Libyen, Ägypten) und im südlichen Afrika (Südafrika, Namibia, Botswana, Mosambik) zu finden, aber auch an der Küste Westafrikas (Ghana, Nigeria) bilden sich hoffnungsvolle Entwicklungspole heraus. Viele Binnenstaaten Zentralafrikas drohen dagegen in wirtschaftlicher Rückständigkeit zu verharren.

Wachstumstreiber Rohstoffe
Der große Rohstoffreichtum, ein verbessertes Investitionsklima für ausländische Unternehmen und umfangreiche Privatisierungsprogramme haben in den vergangenen Jahren einen Investitionsboom in Afrika ausgelöst. Der Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen erreichte 2008 mit rund 62 Milliarden US-Dollar (UNCTAD) Rekordhöhe. Insbesondere Ägypten, Nigeria, Südafrika und Marokko lockten ausländische Investitionen in Milliardenhöhe an.

Während etwa in Nigeria im großen Stil in die Erdölförderung investiert wird, fließt in Ägypten, Marokko und Südafrika ein nicht unwesentlicher Anteil in Industrieprojekte der Textil-, Chemie- und Pharmabranche sowie in den Tourismus und den Finanzsektor.

Obwohl große Konzerne aus der EU und den USA immer noch führend unter den Investoren in Afrika sind, zeigen Unternehmen aus Asien zunehmend Präsenz auf dem Kontinent. Nicht nur China, auch Japan und Malaysia sichern sich durch Investitionen in Infrastruktur und die weiterverarbeitende Industrie Zugang zu Rohstoffen.

China finanziert viele Projekte über die staatliche Exim-Bank, große öffentliche Projekte auch im Konsortium mit der afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB), mit der ein Abkommen geschlossen wurde. Dass Asien bei der Erschließung von Rohstoffquellen Europa inzwischen weit voraus sein dürfte, belegt die Exportstatistik. So gingen zwischen 2005 und 2007 rund 75 Prozent der afrikanischen Exporte nach Asien.

Indien zielt vor allem auf den Dienstleistungssektor ab. Die Tata Group ist mehrheitlich an Neotel, dem zweitgrößten südafrikanischen Festnetzanbieter, beteiligt. Der größte indische Mobilfunkanbieter Bharti Airtel plant mit dem südafrikanischen Partner MTN Group den Einstieg in den schnell wachsenden Mobilfunkmarkt. Auch Reliance, die Nummer zwei in Indien, möchte in Afrika expandieren und überprüft die Übernahme des kuwaitischen Anbieters Zain.

Dabei können die indischen Unternehmen von ihren Erfahrungen mit dem Geschäft in Schwellenländern profitieren. Da die Marktpenetration noch unter 50 Prozent liegt, ist das Wachstumspotenzial sehr groß: 2008 wuchs der Mobilfunkmarkt in Afrika um 30 Prozent. Afrikanische Mobilfunkunternehmen (z.B. Safaricom, eine Tochter von Vodafone in Kenia) leisten zudem Pionierarbeit beim Geldversand per SMS. Weil die Bankinfrastruktur in den ländlichen Gebieten unterentwickelt ist, wird dieser Service stark nachgefragt.

Erfolgreiche Diversifizierung
Erfolgreiche Beispiele für die Entwicklung einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur im Umfeld der Rohstoffgewinnung sind die Republik Südafrika, Botswana und Namibia. Südafrika ist mit einer breit aufgestellten Industrie und einem modernen Finanzsektor die führende Volkswirtschaft auf dem Kontinent und fungiert als Entwicklungsmotor für die gesamte Region südlich der Sahara - nicht umsonst findet hier zum ersten Mal auf afrikanischem Boden das Weltereignis Fußball-WM statt.

Die Diamantenproduzenten Botswana und Namibia gründen Teile ihres wirtschaftlichen Erfolges auf jahrelanger politischer Stabilität und einer relativ effizienten öffentlichen Verwaltung. Viele große internationale Konzerne sind in Südafrika präsent. Auf das Land entfallen rund 25 Prozent des gesamten ausländischen Kapitalstocks in Afrika. Im Dienstleistungssektor floriert die „Outsourcing-Branche". Unternehmen wie IBM, Siemens und Lufthansa unterhalten Kundenbetreuungs- beziehungsweise Call-Center und profitieren davon, dass das Land in der gleichen Zeitzone wie Europa liegt und weite Teile der Bevölkerung Englisch sprechen.

Aber auch südafrikanische Unternehmen weiten zunehmend ihren Aktionsradius ins Ausland aus und investieren in afrikanischen Ländern, nicht nur im Rohstoffsektor, sondern auch im Finanzsektor, im Einzelhandel, in Infrastruktur und IT. So ist zum Beispiel die MTN Group das führende Telekommunikationsunternehmen auf dem Kontinent, das in 21 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens präsent ist.

Zunehmendes Entwicklungspotenzial bietet das im Norden Südafrikas angrenzende Mosambik. Zwar zählt das Land, das bis 1992 viele Jahre lang vom Bürgerkrieg gebeutelt war, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von lediglich 420 US-Dollar zu den ärmeren Ländern in Afrika.

Mosambik setzt nun jedoch auf die Ausbeutung von Rohstoffen durch Großprojekte. In der Mozal-Aluminium-Schmelze (ein Konsortium u.a. aus BHP Billiton, Mitsubishi und Industrial Development Association of South Africa) wird Bauxit zu Aluminium verhüttet. Die derzeitige Produktion in Höhe von 500.000 Tonnen soll in naher Zukunft durch Erweiterungsinvestitionen auf 800.000 Tonnen erhöht werden.

Die brasilianische CVRD und Australiens Riversdale planen Kohleabbau und -export in großem Stil. CVRD will 2 Milliarden US-Dollar in die Neueröffnung der Moatize- Kohlemine investieren, die mit einem Vorkommen von 1,2 Milliarden Tonnen zur größten Produktionsstätte der Südhalbkugel werden könnte.

In einem anderen Projekt gewinnt die australische WMC-Ressources aus Sanden Titan, ein Rohstoff, der vor allem im Bereich der Telekommunikation und der Luft- und Raumfahrtindustrie verwendet wird. Große Kraftwerkprojekte (Wasser-, Gas- und Kohlekraft) sollen in nicht allzu weiter Ferne Energieexporte in Richtung Südafrika ermöglichen.

Mosambik profitiert von der guten Anbindung an Seehäfen, der Verfügbarkeit von Wasserkraft und der Nähe zum südafrikanischen Markt. Allerdings läuft Mosambik auch Gefahr, Industrien jenseits des Rohstoffsektors zu vernachlässigen - und damit der „holländischen Krankheit" zu verfallen.

Vor der Herausforderung, den Rohstoffsegen gesellschaftlich sinnvoll einzusetzen, steht auch Ghana. Die neuen Ölfunde des Jahres 2007 vor der Westküste (Jubilee Field) werden Ghana ab 2011 einen Ölboom bescheren und das Land zum siebtgrößten Ölproduzenten Afrikas befördern. Ghana gilt mit seiner gefestigten Mehrparteiendemokratie als das Vorzeigeland in Afrika, dem in den vergangenen Jahren wichtige Strukturreformen und Verbesserungen des Geschäftsumfelds gelungen sind.

Nachholbedarf
Der riesige Nachholbedarf im Ausbau der Infrastruktur wird inzwischen von vielen Ländern mit umfangreichen Investitionsprogrammen in Angriff genommen. Neben Südafrika hat vor allem Libyen im Rahmen seiner Öffnungs- und Liberalisierungsstrategie ein Infrastrukturprogramm in Höhe von 84 Milliarden US-Dollar aufgelegt, das wegen der Marktnähe für europäische Investoren interessant sein dürfte.

Bewegung kommt auch zunehmend in den weitgehend unterentwickelten afrikanischen Finanz- und Bankensektor. Konnten bislang nur Südafrika, Botswana und Mauritius mit einem modernen Bankensystem aufwarten und überregional Projekte finanzieren, so gewinnen in jüngster Zeit zunehmend nigerianische und ghanaische Banken als Finanzierungsquelle in Afrika an Bedeutung. Auch Staatsfonds (Libyen) investieren zunehmend auf dem Kontinent. Im Bereich der Börsenentwicklung bemühen sich die zwei großen Börsenbetreiber (Johannesburg Stock Exchange und die indische Financial Technology in Botswana) um die Entwicklung panafrikanischer Finanzplätze.

Die größte Herausforderung für Afrika liegt jedoch in der Bildung. Um den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zu überwinden, engagieren sich zunehmend Großunternehmen in der Berufsbildung. Insbesondere im Bereich der Informationstechnologie investieren Unternehmen wie IBM, Microsoft, MTN und Cisco in Ausbildungs- und Innovationszentren. Dabei beschränken sich diese Maßnahmen längst nicht mehr nur auf Südafrika. Microsoft zum Beispiel plant, in naher Zukunft Forschungszentren in Marokko, Nigeria, Uganda und Ruanda zu eröffnen.

Zuerst erschienen in: Manufacturing Now - Herbst 2009

 

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Manufacturing Now, Ausgabe Herbst 2009: Innovationen durch Vernetzung

Welchen Einfluss haben Zukunftstechnologien auf die Nachfrage von Rohstoffen? Wie holt man mehr aus seinen Produkten heraus? Und wie kann die Stahlbranche ihren Wissensvorsprung nutzen, um mit der asiatischen Konkurrenz Schritt zu halten? Dies und mehr lesen sie in der aktuellen Ausgabe von Manufacturing Now.

Datum: 01.11.2009 | Größe: 1676,11kB

Ansprechpartner

Foto von Klaus Findt

Klaus Findt

Länderspezialist Südliches Afrika

KPMG
KPMG Crescent 85
Empire Road Parktown
2193 Johannesburg
Südafrika

T +27 11 647-7618 | klaus.findt@kpmg.co.za

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