"Gesundheitswirtschaft spürt die Krise mittel- und langfristig"
Während die meisten Branchen unter den Folgen der Wirtschaftskrise leiden, scheinen die Auswirkungen im Gesundheitssektor gering. Doch laut Volker Penter, Leiter Health Care bei KPMG, stehen auch die Krankenhäuser vor großen Problemen: „Wenn sie nicht gegensteuern und ihre Effizienz verbessern, könnte sich der Anteil der insolvenzgefährdeten Häuser weiter erhöhen."
Die Krise hat bisher viele Branchen mit tief greifenden Auswirkungen erfasst. Die Gesundheitswirtschaft, einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren Deutschlands, scheint dagegen kaum betroffen. Ist die Krise an den Krankenhäusern bisher vorbeigegangen?
Prof. Dr. Volker Penter: Man muss zwischen direkten und indirekten Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Krankenhäuser unterscheiden: Krankenhäuser agieren bisher kaum an den Kapitalmärkten, nur sehr wenige Klinikketten sind kapitalmarktorientiert. Aus meiner Beobachtung wurden bisher kaum Bilanzen von Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen „verhagelt". Umfassender sind die indirekten Auswirkungen der Krise: Je höher die Zahl der Arbeitslosen, desto stärker sinken die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherungen und auch der öffentlichen Haushalte. Das führt bei den Krankenhäusern zu steigenden Unterdeckungen im Bereich der Investitions- als auch der Betriebskostenfinanzierung.
Können Sie aus Ihrer Erfahrung Beispiele nennen, welche Maßnahmen unsere Mandanten zur Überwindung der Wirtschaftskrise getroffen haben?
Prof. Dr. Volker Penter: Es gibt verschiedene Ansätze zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation von Krankenhäusern, die sind aber weitgehend unabhängig von der derzeitigen Krise. Da es für Krankenhäuser schwierig ist, durch Wachstum Umsätze zu steigern, versucht man häufig, zuerst bestehende Kostenstrukturen zu optimieren. Umgesetzt wird das oft durch die Verlagerung oder den Abbau von Personal, insbesondere in den patientenfernen Bereichen. Aktivitäten wie die Gründung von Servicegesellschaften oder die Bildung von Einkaufsverbünden gehören dazu, bestehen jedoch nicht erst seit der Finanz- und Wirtschaftskrise.
Zunehmend rückt jedoch in den Blick, wie nachhaltig eine Maßnahme ist: Wir registrieren beispielsweise bei unseren Mandanten momentan viele Projekte zur Verbesserung des Energiemanagements.
Wir beobachten auch viele Krankenhäuser, die nach einigen Jahren verhältnismäßiger Ruhe nun wieder die patientennahen Bereiche auf ihre Struktur untersuchen lassen. Dies hängt nicht zuletzt mit der immer weiter sinkenden Verweildauer der Patienten zusammen, die eine laufende Anpassung der Personalkapazitäten und vor allem der patientenzentrierten Prozesse erfordert. Aktuell überprüfen wir für mehrere Krankenhäuser, ob die Personalausstattung der jeweiligen Fachabteilungen noch angemessen ist.
Leistungsseitig konzentrieren sich einige Krankenhäuser zunehmend auf bestimmte medizinische Fachgebiete, um so gut vergütete Spezialbehandlungen anbieten zu können. Andere Einrichtungen, dazu gehören insbesondere die Krankenhäuser in privater Trägerschaft, versuchen durch Akquisition neuer Krankenhäuser zu wachsen.
Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Folgen der weltweiten Krise auch noch in den Jahren Jahr 2010 und 2011 deutliche Spuren hinterlassen wird. Wie beurteilen Sie die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheitswirtschaft?
Prof. Dr. Volker Penter: Während es in einigen anderen Branchen bereits Hoffnung auf einen raschen Aufschwung gibt, werden die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Gesundheitswirtschaft eher mittel- und langfristig zu spüren sein. Zweifelsohne besteht ein zunehmender Bedarf an qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung, allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung der Gesellschaft und den wachsenden Einsatzmöglichkeiten moderner IT und Technik bei Diagnose und Therapie. Fraglich ist jedoch, wer in Zukunft den Mehrbedarf an Gesundheitsleistungen finanziert.
Der durch die Krise bedingte Einnahmenrückgang im öffentlichen Bereich führt dazu, dass die Bereitschaft wieder steigt, mit Verlust arbeitende Krankenhäuser in öffentlicher Trägerschaft nicht mehr länger zu subventionieren, sondern zu verkaufen oder zu restrukturieren. Verstärkt wird auch der Trend, traditionelle Krankenhausleistungen nicht kostenadäquat zu vergüten, obwohl die Personal- und Sachkosten im Krankenhaus weiter steigen. Wenn die Krankenhäuser nicht gegensteuern und ihre Effizienz verbessern, könnte sich der Anteil der insolvenzgefährdeten Häuser weiter erhöhen.
Unsere Spezialisten aus Restrukturierung und Sanierung beraten Unternehmen der Gesundheitswirtschaft mit erfahrenen Teams bei der Überwindung der Krise vor und in der Insolvenz. Wir unterstützen sowohl bei der Erstellung aussagefähiger Konzepte als Entscheidungsgrundlage als auch bei Verhandlungen mit Aufsichtsgremien, Kapitalgebern und anderen Beteiligten.
Entschlossen handeln: Erfolgreich aus der Krise
Die schwerste Phase der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise scheint überwunden - aber die Folgen des Einbruchs werden noch lange zu spüren sein. Mit "Entschlossen handeln" möchte KPMG Unternehmen eine Orientierungshilfe bieten, um sich auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. Die Publikation skizziert makroökonomische Entwicklungen, analysiert Chancen und Risiken in den Branchen und geht auf wichtige strategische Themen ein.
Größe: 4315,25kB
Ansprechpartner
Prof. Dr. Volker Penter
Partner, Leiter Health Care
KPMG
Klingelhöferstraße 18
10785 Berlin
T +49 30 2068-4740 | vpenter@kpmg.com
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