„Die Emerging Markets haben einen Innovationsmotor gestartet"

Hans-Werner Winterhoff, Branchenspezialist im Bereich Telekommunikation bei KPMG, über First-Mover-Vorteile, Regulierungsgefahren und die Geschäftsmodelle der Zukunft.

Sind die Emerging Markets für ausländische Unternehmen noch ein Investment in die Zukunft oder lässt sich hier heute schon Geld verdienen?

Noch ist es eine Wette auf die Zukunft. Um Geld zu verdienen, müssen die Unternehmen zwei Punkte miteinander verheiraten: Angesichts geringer Verbindungspreise und niedriger Umsätze pro Kunde müssen sie absolut kostenreduziert arbeiten. Mit dem europäischen Kostenlevel kann die Branche hier keine attraktiven Margen erwirtschaften. Das ist eine enorme Herausforderung für Technologie und Infrastruktur. Zweitens - und genauso wichtig: Die Anbieter müssen lokale Applikationen finden, für die Nutzer in den Emerging Markets Geld ausgeben wollen.

Gilt im Telekommunikationssektor die Formel: Je früher in den Emerging Markets, desto erfolgreicher?

Es gibt einen First-Mover-Vorteil. Am Anfang müssen die Unternehmen eventuell eine schlechtere Infrastruktur, schlechtere Qualität und niedrige Margen in Kauf nehmen. Sie können jedoch vor Ort Erfahrungen sammeln, die Gewohnheiten und Wünsche der Kunden kennenlernen. Dieser Anpassungsvorteil ist wertvoll. Ihm gegenüber steht das höhere unternehmerische Risiko in diesen Märkten. Beispielsweise droht Vodafone nach der Übernahme von Hutchinson Essar in Indien die Zahlung von 1,7 Milliarden US-Dollar Steuern, die die indischen Behörden am Anfang nicht in Aussicht gestellt hatten. Auch ein Zögern kann in den Emerging Markets teuer werden: Durch den Vodafone-Einkauf sind andere Übernahmekandidaten in Indien teuer geworden. Ein signifikanter Markteinstieg ist jetzt kostspielig. Die M&A-Deals im Telekom-Sektor nehmen wertmäßig bereits den größten Anteil an allen Deals in den Emerging Markets ein.

Welchen Aspekt unterschätzen ausländische Unternehmen bei ihren Investments in den Emerging Markets besonders?

In unserer Arbeit und bei Erhebungen haben wir festgestellt, dass Unternehmen insbesondere das Thema Regulierung unterschätzen. Integration, Wettbewerb und finanzielle Kontrolle stehen ganz oben auf der Agenda.  Aus der Arbeit vor Ort wissen wir jedoch, dass diese Prioritätensetzung zu kurz greift. Regulierungsfragen, zum Beispiel Netzzugang, Nummernmitnahme oder Termination rates, können entscheidend den geschäftlichen Erfolg in den Wachstumsmärkten beeinflussen und sollten neben den genannten Aspekten Berücksichtigung finden.

Welche Strategie ist im Umgang mit lokalen Wettbewerbern erfolgreich?

Zukunftsorientierte Strategien sollten sich nicht nur nach den heutigen Marktbedingungen ausrichten. Wir müssen die Entwicklung der Branche hin zu konvergierenden Märkten und neuen Geschäftsmodellen im Auge behalten. Deshalb könnten insbesondere Kooperationen mit Netzwerkausrüstern und Inhalteanbietern in den Emerging Markets erfolgreich sein. 2010 geht es bereits um andere Herausforderungen, zum Beispiel um den Bereich der mobile payments, die in Asien bereits auf eine große Marktakzeptanz stoßen.

Ist das Thema Breitband die nächste Herausforderung - quasi die nächste Wachstums-Generation in den Emerging Markets?

Noch liegt der Fokus auf dem Bereich Mobilfunk. Für klassisches Breitband, also festnetzgestütztes Breitband, gibt es Wachstumspotenzial in Städten in halb entwickelten Regionen. Vielleicht ist Breitband jedoch bald über mobile Netze möglich. Erfolg versprechende Studien gibt es bereits - auch wenn die Technik noch zu teuer ist und sie die Infrastruktur überlasten würde. Die Frage ist: Wird dies in fünf Jahren auch noch so sein?

Wie verändern die Emerging Markets die Telekommunikationsbranche insgesamt - beispielsweise durch Standortverlagerungen, neue Geschäftsmodelle oder die Definitionshoheit über technische Standards?

Die Emerging Markets haben einen neuen Innovationsmotor gestartet. In den gesättigten Märkten ist es versäumt worden, durch Regulierung oder andere Marktverhältnisse den Wettbewerb aufrechtzuerhalten. Dann wird man schlaff und träge. Wenn man aber mit Kostensenkungen und neuen Geschäftsmodellen um den Zukunftsmarkt kämpft, erwacht neue Kreativität.

Werden Innovationen wie zum Beispiel mobiles Breitband eher in den Emerging Markets oder in Europa eingeführt?

Im ersten Schritt wird die Technik noch zu teuer sein, um sie direkt in den Emerging Markets einsetzen zu können. Ich könnte mir Europa aber als Experimentierfeld für die Emerging Markets vorstellen: Die Anwendung wird hier getestet und verfeinert und dann zu günstigeren Konditionen und mit ausgereifter Technik zur Massenanwendung in die Emerging Markets transferiert.


Quelle: New and Emerging Markets Magazin 04-2007

 

 

Ansprechpartner

Hans-Werner Winterhoff

T +49 511 8509-5227
hwinterhoff@kpmg.com

Partner
KPMG
Osterstraße 40
30159 Hannover

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