Investing statt Outsourcing
Indiens Wirtschaftsunternehmen haben das altbekannte Image des IT- und Outsourcing-Standorts modernisiert. Vermehrt schlüpfen sie jenseits ihres Heimatmarkts in die Rolle selbstbewusster Investoren mit weltweit wachsendem Gewicht - insbesondere auch in Europa.
Gastbeitrag von Amitabh Thakur und Johannes M. Böhmer, KPMG in Going Public Ausgabe August/September 2008
Diese Bilder wurden oft und gerne verbreitet: Flinke Ingenieure in Bangalore und Mumbai, die über ihre Computer gebeugt IT-Dienstleistungen für Unternehmen rund um den Globus verrichten. Und in den Callcentern sitzen Uni-Absolventen, die auf Englisch Antworten für ein breites Spektrum an Dienstleistungen parat haben - von der Auftragsannahme bis zur Entwicklung komplizierter Finanzmodelle. Dieses Image machte die indischen ITDienstleister schnell zu wahren Reklamehelden der indischen Wirtschaft in den internationalen Medien. 2006 eroberte der Outsourcing-Standort Indien schließlich selbst den Titel der Juli-Ausgabe des US-Wochenmagazins „Time".
Die Berichterstattung über die Stärke des indischen Dienstleistungssektors überdeckte damals die Schwächen des Landes in der heimischen fertigungsgetriebenen Industrie. Hier konnte die Entwicklung nicht mit dem Tempo der IT-Dienstleister mithalten. Dementsprechend wurde der Titel der „Werkbank der Weltwirtschaft" vor allem mit dem Nachbarn China verbunden. Indien konnte dem zunächst wenig entgegensetzen.
Zunächst schwaches Wirtschaftswachstum
Nach der Unabhängigkeit von britischer Herrschaft ab 1947 war Indien zunächst bemüht, die heimische Wirtschaft neu zu beleben, die aufgrund der Beschränkungen der Kolonialherrschaft technologisch rückständig und so im Ausland nicht konkurrenzfähig war. Zum Schutz vor ausländischer Konkurrenz erließ sie deshalb hohe Zollaufschläge für ausländische Importe. Investitionen im eigenen Land wurden durch Lizenzen und Genehmigungsverfahren streng reguliert. Diese nach innen gerichtete Wirtschaftspolitik bremste den natürlichen Drang indischer Firmen nach Wachstum und Unternehmergeist. Resultat war ein Wirtschaftswachstum von nur 1,5% jährlich im Zeitraum bis 1974. Dennoch fanden indische Unternehmer schon damals Wege zur Fortentwicklung ihrer Geschäfte - vor allem durch Wachstum im Ausland. Bekannt als sogenannte „Süd-Süd-Investitionen" engagierten sie sich in anderen Entwicklungsländern der Region. Diese Strategie wird heute oft als erste Welle indischer Investitionen im Ausland bezeichnet. Erst 1991 änderte sich dies radikal: Angesichts einer ernsthaften Finanzkrise öffnete die Regierung die indische Wirtschaft umfassend gegenüber dem Welthandel. In der Folge wurden die Importbarrieren schrittweise gesenkt, die indischen Finanzmärkte reformiert und das Lizenzierungssystem für neue Investitionen langsam gelockert.
Neuer Elan
Der neue Elan im Inland beflügelte auch die Auslandsaktivitäten. Inzwischen sind indische Firmen immer öfter erfolgreich, um jenseits des Heimatmarktes neue Wachstumsperspektiven zu öffnen. Laut einer 2006 veröffentlichten Auswertung der Welthandels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD stieg zwischen 1991 und 2003 die Anzahl indischer Auslandsinvestments von 187 auf 1.700 Transaktionen. Diese zweite Welle der sogenannten „India Inc." mit teils milliardenschweren Transaktionsvolumina sorgte für viele Schlagzeilen. Ein prominentes Beispiel: Der Tata-Konzern, der 2006 den in London ansässigen Stahlproduzenten Corus kaufte. Erst vor einigen Monaten erwarb die Tata Group dann auch die renommierten britischen Automarken Jaguar und Land Rover. Ermöglicht wurden diese schlagzeilenträchtigen Deals nicht nur durch den indischen Unternehmergeist, sondern vor allem durch den Sinneswandel in Indiens Wirtschaftspolitik. Die große Mehrzahl der ehemals bestehenden Investitionsschranken ist inzwischen gefallen, die Rupie ist frei konvertierbar. Zudem sind die Firmen dank eines liberalisierten indischen Kapitalmarkts auch in der Lage, ihre Auslandsinvestitionen zu finanzieren. Hinzu kam die Unterstützung durch den wachsenden Konsum und die Nachfrage nach neuen Produkten im Heimatmarkt.
Registrieren Sie sich für den Newsletterdienst mit aktuellen Nachrichten zum Wachstumsmarkt Indien.